Polizeiruf Soshanguve -
Von Sandra Bulling
Heute Abend fahre ich mit Rhulani Ngobeni auf Streife. Rhulani ist Verkehrspolizist bei der Metro Police und einer der Gründer des Kick it-Sportprojekts, das CARE unterstützt.
Die zwei Leben des Rhulani: Verkehrspolizist und Fussballtrainer (Foto: CARE/Bulling)
Während ich bei ihm zu Hause darauf warte, dass er seine Uniform anlegt, unterhalte ich mich mit seiner hochschwangeren Freundin. Sie ist 23 Jahre und erwartet im Juni ihr erstes Kind. Sie ist stolz auf ihren Freund, der jede Nacht für Recht und Ordnung in Soshanguve sorgt. Doch es ist ein gefährlicher Job. Nachts steigt die Kriminalität, beeinflusst durch Alkohol und Drogen. Wir fahren los. Drei massive Polizeiwagen stellen sich an die Kreuzung und halten die ersten Fahrzeuge an. Ich stehe etwas unsicher am Straßenrand. Auf einmal spricht mich eine junge Frau an, sie wartet neben mir auf einen Bus. „Du sieht ängstlich aus“, ruft sie mir zu. Offensichtlich steht mir mein Unbehangen ins Gesicht geschrieben.
Florence hat eine Bitte
Wir kommen ins Gespräch. Florence heißt meine nächtliche Straßenbekanntschaft, sie kommt gerade von der Arbeit. „Hab keine Angst, es ist hier alles halb so wild wie immer berichtet wird“, sagt sie. „Bitte habt nicht immer so viele Vorurteile. Nicht jeder hier ist ein Verbrecher.“ Ich versuche angestrengt, meine Gesichtszüge zu entspannen. Das Gespräch ist mir peinlich, denn ich habe genau das, was Florence so stört: Vorurteile. Sicher, man sollte nicht nachts alleine durch Soshanguve laufen – aber hinter jedem Vorbeilaufenden einen Gewalttätigen zu vermuten ist auch nicht der richtige Weg. Florence findet es klasse, dass ich mittlerweile schon den dritten Tag in ihrem Township verbringe. Wir reden darüber, wie vibrierend die Stimmung hier ist, wie freundlich und offen die Menschen. „Bitte gehe nach Hause und erzähle den Deutschen, dass hier nicht nur böse Menschen leben. Damit möglichst viele Touristen während der Weltmeisterschaft hierher kommen.“ Mit diesen Worten verabschiedet sie sich und steigt in ihren Bus.
Der CARE-Besuch (links Sandra Bulling, rechts Michael Keller) unterwegs mit der Verkehrspolizei (Foto: CARE)
Stolz und Vorurteil
In meiner dreistündigen Tour mit der Polizei treffe ich noch mehr Menschen wie Florence. Viele grüßen mich, andere bleiben ein paar Minuten stehen, um sich mit mir zu unterhalten, manche schauen ein wenig skeptisch ob der Ausländerin, die da mit der Polizei rumsteht. Das ist zwar nur ein kleiner Ausschnitt aus einer Nacht in Soshanguve. Und sicher ist die Gefahr auch da. Ein Polizeikollege von Rhulani erzählt mir beispielsweise, dass regelmäßig am Ende des Montags, wenn das Monatseinkommen der Bewohner knapp wird, die Überfälle und Gewaltverbrechen in die Höhe schnellen. Kommt dann am 1. eines jeden Monats das Gehalt, dann steigt vor allem die Gewalt gegen Frauen, da die Männer das Geld erstmal in der Kneipe ausgeben. Dies alles sind Tatsachen, die man nicht beschönigen braucht. Aber gleichzeitig gibt es auch Gastfreundschaft und ein ehrliches Interesse der Bewohner an Besuchern. Und die meisten haben das Verlangen, den Ruf ihres Townships zu verbessern.
Freitag ist Bafana Bafana-Tag
Am nächsten Morgen legt Rhulani seine Uniform ab. Jetzt wartet seine zweite Aufgabe: Das Kick it-Projekt. Wir treffen den 13-jährigen Kabalo, der ohne Eltern aufwächst. Seine Mutter ist erst dieses Jahr an AIDS gestorben. Wir stehen vor seiner Wellblechhütte und wollen ihn zum Training abholen. Sein ganzer Stolz ist ein gelbes T-Shirt der südafrikanischen Fussballnationalmannschaft Bafana Bafana. Doch zum Training ist es ihm zu schade, er zieht es nur freitags in der Schule an – denn da ist Bafana Bafana-Tag. Ganz Südafrika trägt an diesem Tag ein T-Shirt oder Trikot der Mannschaft, alle Beamten sind sogar dazu verpflichtet. Wir fahren mit Kabalo auf das Fußballfeld, wo er sich mit Rhulani und den anderen Jungs aus seinem Team aufwärmt und eine Runde kickt. Sie rennen über die rote Staubpiste, die Tore von je zwei großen Steinen begrenzt. Wo das Feld aufhört kann man nur erahnen, links uns rechts wächst der Platz mit wildem Gras zu. Doch das stört alles nicht. Jetzt geht es nur noch um eines: das Spiel, der Ball, das Team. Rhulani kickt fleißig mit. Nach einer Dreiviertelstunde muss er los. Sein Polizeidienst ruft, die nächste Nacht zieht heran in Soshanguve.



