Reis ist nicht genug -
Von Rick Perera
Ich liebe es, den Hilfseinsatz in Haiti in Aktion zu beobachten. Seit dem Erdbeben vom 12. Januar hat CARE die Anzahl seiner Mitarbeiter hier mehr als verdoppelt und so läuft die Versorgungskette wie geschmiert. Unser neues Lagerhaus ist voller Arbeiter, Lastwagen rollen hinein und heraus, werden be- und entladen. Es ist ein großartiger Anblick.
Pierre Bayard, Bewohner des “CARE-Village” in Port-au-Prince möchte wieder arbeiten (Foto: CARE/Perera)
Gestern habe ich unsere bisher größte Verteilung von Hilfsgütern besucht – eine riesige und gut organisierte Operation. Morgens um halb fünf erreichten neun Lastwagen das Küstendorf Gaston, in dem unzählige Obdachlose leben.
Um sechs Uhr hatten sich schon 1.700 Frauen angestellt, um die dringend benötigten Hilfsgüter entgegenzunehmen: Plastikplanen als Schutz gegen die beginnende Regenzeit, Decken, Matratzen, Wasserkanister und Hygienekits. Alles wird in grellbunten Plastikeimern ausgegeben.
An der Spitze der Schlange wird viel gelächelt, wenn die Frauen die Güter überreicht bekommen und sie geschickt auf dem Kopf balancierend nach Hause transportieren.
Die Hilfsmaschine läuft sogar noch schneller, wenn es um Nahrung geht. Bei unserer letzten Nahrungsmittelverteilung im Distrikt Delmas wurden 2.500 Frauen mit großen Reissäcken versorgt – in nur wenigen Stunden.
Seit dem Erdbeben hat CARE rund 278.000 Überlebende mit Hilfe erreicht. Zusammen mit den anderen Hilfsorganisationen haben wir schon an die Hälfte der Bedürftigen Materialien zum Bau von Unterkünften verteilt. Und die Geschwindigkeit nimmt täglich zu. Wenn man von der Größe dieser Katastrophe ausgeht und von der spärlichen Infrastruktur, die in Haiti schon vor dem Beben existierte, dann ist das schneller, als wir hoffen konnten.
Und doch ist es nicht genug. Sobald die unmittelbaren Bedürfnisse der Menschen hier befriedigt sind, denken sie natürlich über die Zukunft nach. Und sie sind besorgt.
Einige dieser besorgten Menschen kann man auf dem Platz St. Pierre treffen, nur ein paar Schritte vom CARE-Büro entfernt. Hier leben tausende Überlebende in Notunterkünften. Die Bewohner haben das Camp „Cité de CARE“ genannt. Viele leben inzwischen in ordentlichen Zelten und es gibt Essen und sauberes Trinkwasser. Aber sie brauchen mehr. Pierre Richard Bayard hat eine Frau und sechs Kinder. Und will nicht mehr versorgt werden. „Es gibt immer Reis, Reis, Reis,“ sagt er. “Aber wir brauchen Arbeit. Unsere Kinder müssen zur Schule gehen.”
Bei den Bemühungen, Haiti wieder aufzubauen, gibt es keinen Mangel an Arbeit. CARE selbst trägt dazu bei, neue Jobs zu schaffen. Anfangs werden wir mehr als 300 lokale Arbeiter in der schwer betroffenen Gemeinde Léogâne einstellen, zusammen mit dem haitianischen Ministerium für Landwirtschaft. Sie werden die Straßen freiräumen, Bewässerungskanäle säubern und Bäume gegen drohende Erosion pflanzen.
Auch auf den Bauernhöfen in Haiti gibt es viel Arbeit. Denn selbst die ländlichen Gebiete, die vom Beben selber nicht betroffen waren, sind von den Flüchtlingen aus Port-au-Prince überwältigt. Letzten Monat habe ich die nordwestliche Provinz Artibonite besucht, wo mehr als 160.000 Neuankömmlinge aufgenommen wurden. Viele der Gastfamilien hatten es schon vor dem Beben schwer, genug Lebensmittel auf ihren Feldern zu ernten. CARE bemüht sich gerade um Gelder, um diesen Familien Werkzeug zur Verfügung zu stellen, damit sie mehr Nahrungsmittel anbauen können.
Unsere Aufgabe ist es jetzt vor allem, die noch nötige Finanzierung für den anstehenden Wiederaufbau zu sichern. Weltweit wurde sehr viel Geld für die unmittelbare Nothilfe gespendet. Aber ich fürchte, dass es schwieriger sein wird, Geld für die langfristige Wiederaufbauarbeit zu finden, wenn Haiti aus den Schlagzeilen verschwindet und die Aufmerksamkeit sich anderen Dingen zuwendet.
Manchmal verliere ich den Mut, wenn ich all die Armut hier sehe und wie sie sich seit dem 12. Januar auch noch verschlimmert hat. Aber ich sehe auch einen Funken Hoffnung für die Zukunft, besonders wenn ich Zeit mit meinen haitianischen Kollegen verbringe, die so hart für ihr Land arbeiten.
Um Winston Churchill auf dem Höhepunkt des zweiten Weltkriegs zu zitieren: “Dies ist nicht das Ende. Es ist noch nicht mal der Anfang vom Ende. Aber es ist, vielleicht, das Ende vom Anfang.“
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