Rosa und Kelly im Funkloch

„Mütter werden heute in Peru nicht mehr vergessen, es gibt jetzt einen lauten Aufschrei, wenn eine während der Schwangerschaft oder der Geburt stirbt“ – so erklärt mir Elena Esquiche von CARE Peru den Erfolg der letzten Jahre hier im Andenland. Während meiner Reise konnte ich sehen, wie CARE, die peruanische Regierung und andere Partner das Management von Notfällen sowie die Zusammenarbeit der einzelnen Gesundheitsstationen, Gemeinden und Krankenhäuser verbessert –  und die Traditionen und Rechte der Patienten dabei gewahrt haben.

Kelly und Rosa arbeiten im Gesundheitsposten von Huayllay eng mit Freiwilligen wie Isabel zusammen. (Foto: CARE/Mitscherlich)

Die große Herausforderung ist jetzt, dass das auch weiterhin überall umgesetzt und von den lokalen und regionalen Regierungen finanziert wird. Vor allem muss erreicht werden, dass jede noch so kleine Gesundheitsstation über einen Krankenwagen und einen Arzt verfügt.
Huayllay, zwei kurvige, steinige und staubige Autostunden von Ayacucho-Stadt entfernt, ist davon noch mindestens genau so weit entfernt wie vom Meeresspiegel, der 3.556 Meter unterhalb des Dorfes liegt. Hier gibt es weder einen Krankenwagen, noch einen Arzt. In dem kleinen Dorf in der Region Huanta leben insgesamt etwa 500 Leute. Lämmer, Hühner, Esel und braune Schweine laufen hier zwischen den Häusern herum, ein paar Kinder in Schuluniform tummeln sich am Dorfplatz. Die Menschen hier arbeiten fast alle auf den Feldern, die um die Häuseransammlung senkrecht zu stehen scheinen. In Huayllay gibt es nur einen kleinen Tante Emma-Laden am Dorfplatz, ein kleines Häuschen, an dem die grüne Farbe abblättert.

Nur ein Münztelefon, um Hilfe zu holen

Hier kann man von Getränken über Seife bis hin zu Häkelmützen eigentlich alles kaufen. Nur im Notfall keine Hilfe: Rosa Chacchi, eine Hebamme im zwei Minuten entfernten Gesundheitsposten hat hier schon geschrien, gegen die Tür gehämmert und getreten, als bei einer Patienten unerwartet früh die Wehen einsetzten.

Im grünen Haus gibt es nämlich das einzige Münztelefon in der Stadt, mit dem man den Krankenwagen aus dem eine Stunde entfernten Huanta rufen kann. Das Funksprechgerät funktioniert seit einigen Monaten nicht mehr, ein Auto hat in Huayllay nur der Lehrer, und der ist am Wochenende nicht da. „Wir haben uns also an die Straße gestellt und gewartet, dass ein Auto vorbei kommt. Manchmal kommt tagelang gar keins, wir hatten aber Glück“, erzählt Rosa. Ein paar Stunden später hat die Frau einen Jungen im Krankenhaus von Huanta zur Welt gebracht.

Notfälle durch Vorbeugung verhindern

Ich kann mir kaum vorstellen, wie es sein muss, im Notfall von Zufällen abhängig zu sein: davon, ob man das Telefon eines Dorfbewohners nutzen darf, ob der Gemischtwarenladen mit dem Münztelefon gerade offen hat, man einen Krankenwagen rufen kann oder ob zufällig ein Auto an dem verlassenen Dorf vorbei fährt. „Deswegen ist es so wichtig, dass wir auf Prävention setzen“, erklärt mir Kelly, die Hebamme der Station, die ich mir mit ihren 24 Jahren, passend zur Farbe ihrer Arbeitsuniform mit hellblauem Lidschatten geschminkten, großen dunklen Augen eher auf einer Party vorstellen kann, als in dieser einsamen Gegend.

„Wir machen regelmäßig Hausbesuche, laden die Bewohnerinnen ins Zentrum ein und fragen immer wieder ab, bei welchen Alarmzeichen sie sofort zu uns kommen sollen. Und schwangere Frauen gehen etwa zehn Tage vor ihrem ausgerechneten Termin in ein Mutterhaus in Huanta.“ Wie jeder Gesundheitsmitarbeiter in Ayacucho bekommen auch Rosa und Kelly zu all diesen Themen ein von CARE, der Regierung und anderen Partnern eingeführtes 15-tägiges Training im Krankenhaus von Ayacucho. „Das wichtigste hierbei ist, das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen, damit sie im Notfall auch wirklich kommen.“

Zur Vorbereitung auf die Geburt gehört auch die regelmäßige Animation des Kindes. (Foto: CARE/Mitscherlich)

Mit einem Schuss ein Leben retten

Und das war in den letzten Jahren harte Arbeit. Es ist noch nicht lange her, dass Anhänger der maoistischen Bewegung „Leuchtender Pfad“ in dieser Region staatliche Gesundheitseinrichtungen zerstörten, Papiere der Menschen verbrannten und Angst und Schrecken verbreiteten. Hier ist es aber auch nicht lange her, dass Männer nicht wollten, dass ihre Frau in ein Krankenhaus geht. „Die Geschlechtsteile meiner Frau darf nur ich sehen“, war eine gängige Begründung. Um das Leben einer Frau zu retten, hat ein Arzt in Huanta deswegen sogar einmal mit einem Gewehr in die Luft geschossen. Die Schreckminuten des Mannes und der Familie nutzte er, um die Frau schnell in den Krankenwagen zu schubsen.

In Huayllay kommen Rosa und Kelly auch ohne Schüsse aus. Die Rate der schwangeren Frauen und Mütter, die regelmäßig in die Gesundheitsstation kommen, liegt bei nahezu 100 Prozent.

Und die Männer? Die kommen auch gerne. Vielleicht liegt das auch ein bisschen an Rosa und Kelly.

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