Sambia: Fußballpraxis und Entwicklungstheorie

Im Reisetagebuch berichtet Valeska Homburg diesmal, wie sich Gemeinden im ländlichen Sambia organisieren, um ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen:

Gemeinsame Leidenschaft: Der Fußball verbindet Valeska Homburg und diesen sambischen Jungen. (Foto: CARE/Thomas Knoll)

In Chipatas lokalem Fußball-Stadion herrscht reges Treiben. Wir hören schon von draußen vergnügt quietschende Kinderstimmen und wollen vor unserer Abfahrt nach Lundazi noch einen kurzen Blick hineinwerfen. Der Platz ist groß, von zwei Seiten eingerahmt von Tribünen – die schattigen Seiten sind das, wie wir von Marlon lernen. Zwei lokale Clubs haben gerade ihr Spiel beendet und kommen vom Platz. Kinder. Die uns mit fragendem Blick zunächst aus der Ferne beäugen. Der stolze Träger eines Barcelona-Trikots ist schon älter und spricht englisch. Wir kommen ins Gespräch.

Das ermutigt offenbar auch die anderen Kinder und schnell sind wir umringt. Stolz präsentiert uns der Torhüter seine Torwart-Fäustlinge und demonstriert mit einem angedeuteten Hechtsprung, was seine Rolle auf dem Feld ist. Der Ball, mit dem gespielt wurde, ist selbstgebaut. Er hat eine perfekte Form und Konsistenz, aber wenn man näher hinguckt, sieht man, dass er aus etlichen zusammengeklebten Plastikschichten besteht. Wir schießen ein Erinnerungs-Foto von den stolzen Kickern und machen uns auf den Weg nach Lundazi.

Die stolzen Kicker von Chipata. (Foto: CARE/Thomas Knoll)

Lehrer sind Mangelware. Was tun?

Für die Fahrt hier hoch ist ein Jeep von Vorteil. Auf den roten Sandpisten tun sich ziemlich überraschend ganz schöne Schlaglöcher auf. Die Straße gen Norden wird gerade erst gebaut. Der größte Teil unserer Fahrt führt uns über die roten Sandpisten. Lundazi ist eine kleine Stadt mit staubigen Straßen, rundherum ist weit und breit nichts. Die Stadt wirkt eher, wie ein Dorf – aber das täuscht: Etwa 5.000 Menschen leben hier.

In der Umgebung liegen einige der Gemeindeschulen, die wir besuchen werden. In den Gesprächen der letzten Tage haben Marlon, Dejan und Thomas mir viel über das CARE-Schulprojekt hier erzählt. Die Schulsituation ist mit der in Deutschland gar nicht vergleichbar. Denn in Sambia auf dem Land ist alles komplett anders – und doch ist die Bedürfnislage der Menschen dieselbe wie die der Menschen in den Städten: Die Eltern wollen natürlich, dass ihre Kinder in die Schule gehen. Aber für die Gemeindeschulen, die zum Teil aus nicht mehr als einem Klassenraum bestehen und die eben eine Zwei-Tages-Tour entfernt von der Hauptstadt liegen, findet man keine ausgebildeten Lehrer.

Um ein Kind zu erziehen, braucht es eine ganze Gemeinde

Deshalb haben die einzelnen Gemeinden eine wunderbare Idee entwickelt: Aus der Gemeinde heraus stellen sich ein, zwei oder mehrere Personen, die selbst eine Schulbildung genossen haben, als Lehrer zur Verfügung. Die Gemeinde zahlt sie – meist in Naturalien, etwa mit einem Sack Maismehl oder Ähnlichem.

Jede Gemeinde hat ein eigenes Schulsystem und organisiert sich selbst. (Foto: CARE/Thomas Knoll)

Sie unterrichten dann die Kinder der jeweiligen Gemeinde. Lediglich die Strukturen dafür schafft CARE gemeinsam mit ROCS. Beide Organisationen arbeiten in diesem Projekt Hand in Hand und sorgen vor allem für die Aus- und Weiterbildung der Lehrer. Dazu werden Meetings organisiert, so dass sich die Lehrer auch untereinander austauschen können.

Jede Gemeinde baut also ihr ganz eigenes Schulsystem auf und organisiert sich selbst. Den wichtigsten Part haben die Eltern. Sie entscheiden, wer als Lehrer für ihre Kinder geeignet ist. Und eine Gruppe von Elternvertretern trifft alle Entscheidungen, die an der Schule von Belang sind. Sie werden ganz speziell in organisatorischen Dingen von CARE und ROCS geschult. Dass es überhaupt Gemeindeschulen gibt, ist letztlich nur dem Engagement der Eltern zu verdanken.

Investition in die Zukunft

Ab und zu werden „Gäste“ an die Schulen eingeladen: Krankenschwestern, die über HIV und andere gesundheitliche Aspekte mit den Kindern sprechen. Andere Gäste – mit ganz gewöhnlichen Jobs – erzählen den Kindern über ihre Arbeit, sollen informieren und als Vorbilder dienen.

Und die Gemeinden werden auch darin unterstützt, zum Beispiel einen Klassenraum zu bauen. Ursprünglich bestand der manchmal aus nicht mehr als vier Pflöcken und einem Dach. Aber das ist manchmal eben nur den Anfang. Aus einfachsten Klassenräumen sind in einigen Gemeinden nach und nach massive Schulgebäude geworden, in denen jetzt mehrere hundert Kinder unterrichtet werden.

Ich bin gespannt. Das Projekt klingt toll. In den nächsten Tagen werden wir uns ansehen, wie das alles in der Praxis abläuft, wenn wir die Gemeindeschulen dann tatsächlich besuchen.

Einsatzorte

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