Serbien: Ein Arzt für Salvatore
Von Sandra Bulling
Verrottete Bretterwände, als Dach blaue Plastikplanen, eine braun-rostige Türe, die in ein dunkles Zimmer führt – so sieht das Zuhause von Ajefi Demilse aus.
Die 49jährige zeigt uns ihr Zimmer, in dem sie mit ihrem Mann seit elf Jahren lebt. Vor dem Zimmer führt ein kleiner ungepflasterter Weg an weiteren Hütten vorbei, alle in ähnlichem Zustand wie der von Ajefi.
Was wie ein Flüchtlingslager in Kenia oder Darfur anmutet, steht am Rande Europas. Genauer gesagt in Südserbien. Hier leben Ajefi und 54 weitere Roma-Familien, die alle aus dem Kosovo geflohen sind.
Das Auffanglager trägt den optimistischen Namen „Salvatore“ und steht nur wenige Kilometer von der Grenze zum jungen Staat Kosovo. Als dort im Jahr 1999 die Kämpfe ausbrachen, flüchteten viele Serben und Roma nach Serbien. Sie fanden Unterschlupf in Auffanglagern wie Salvatore. Zwar hat sich mittlerweile ein großer Teil der Vertriebenen in Serbien integriert, aber in der Nähe Vranjes besuchen wir drei dieser Lager, in denen insgesamt noch immer mehr als 100 Familien leben – unter deprimierenden Bedingungen. Zwar haben die Vertriebenen ein Dach über dem Kopf, erhalten Essen und Strom. Aber sie alle haben ihr Zuhause hinter sich lassen müssen und sehen heute keine Zukunft für sich und ihre Angehörigen.
„Diese Auffanglager müssen aufgelöst werden“
„Was soll ich machen“, klagt Ajifa. „Ich hatte im Kosovo ein Haus mit einem schönen Garten.“ Sie zeigt mir Fotos, auf denen sie vor ihrem Haus steht. Glücklich lächelnd. „Heute lebe ich in diesem dunklen Zimmer. Mein Mann ist krank, er braucht Medikamente. Unsere Kinder gehen zwar zur Schule, werden aber ausgelacht, weil sie ohne Schuhe und mit zerrissener Kleidung in den Klassen sitzen. Meist kann ich ihnen nur Brot und Tee zum Abendessen geben.“ Ajefi erzählt lange und gestenreich von ihrem Leben in Salvatore, das heute so ganz anders ist als ihre Vergangenheit im Kosovo.
Der CARE-Geschäftsführer Anton Markmiller hört sich ihre Geschichte an, lässt sich ihr Zimmer zeigen, fragt immer wieder nach. „Die Bedingungen hier sind schrecklich“, sagt er. „Diese Auffanglager müssen aufgelöst, die Menschen in die Gesellschaft integriert werden. Sie brauchen eine Arbeit, eine Aufgabe, damit sie wieder auf ein besseres Leben hoffen können.“
Theater – eine kleine Revolution
CARE hat zusammen mit den serbischen Organisationen Nexus und Generator Frauen wie Ajefi und viele andere aus Salvatore zum medizinischen Gesundheitscheck gebracht. „Ich war vorher noch nie beim Arzt und habe mich komplett untersuchen lassen“, sagt Ajefi. Sie lacht erleichtert: „Zum Glück bin ich gesund.“ Ajefi hat auch an CARE-Gesundheitsseminaren teilgenommen, bei denen geschulte Gemeindemitglieder ältere Frauen über die Wechseljahre informieren, mit ihnen gemeinsam zur ärztlichen Untersuchung gehen und über Gesundheit, Krankheiten und Vorsorge diskutieren. Für jüngere Frauen gab es ebenfalls Seminare, bei denen auch AIDS, Schwangerschaften und sexuelle Gesundheit im Vordergrund standen. Um diese Themen zu veranschaulichen, hat Generator, eine Jugendorganisation aus Vranje, mit Roma-Teenagern ein Theaterstück geschrieben und aufgeführt. „Die Jugendlichen haben die Stück selbst entworfen, es zeigt ihren Alltag und ihre Probleme“, sagt Gordana, die Gründerin von Generator. So können sie auch Tabu-Themen ansprechen, wie Kinderheirat, Sex vor der Ehe. In einer traditionellen Gemeinschaft wie der der Roma eine kleine Revolution.
Vor Ajefis Tür wartet schon eine Traube junger Kinder auf uns. Sie lachen, wollen alle unbedingt fotografiert werden. Viele von ihnen sind keine elf Jahre alt, haben also ihr gesamtes junges Leben im Auffanglager verbracht. Ich kann nur hoffen, dass sie bald eine Zukunft außerhalb von Salvatore finden.
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