Serbien: Ein kaltes, kaltes Weihnachten

Vor kurzem habe ich mir einen neuen Wintermantel gekauft und die eher teure Anschaffung nicht mit modischen, sondern praktischen Argumenten gerechtfertigt: Ich würde damit nie wieder frieren. Jeder von uns kennt dieses Gefühl: Morgens auf dem Weg zur Arbeit, auf dem zugigen Bahnsteig oder im noch kalten Auto, bevor die Heizung einsetzt. Mit den Kindern auf dem Weg zur Schule, der Atem steigt als kalter Dunst auf. Zu frieren, das ist für mich das Schlimmste. Ich ziehe die Schultern verkrampft hoch und vergrabe mein Kinn in meinem Schal. Wenn dann auch noch meine Füße kalt werden und ich anfange zu zittern, will ich nur eines: nach Hause gehen, meine Füße auf die Heizung legen und einen heißen Tee trinken. So geht es sicherlich vielen.

Viele der Kinder hatten zunächst nur leichte Pullover an. (Foto: Sabine Wilke/CARE)

Sjenica im Südwesten Serbiens: Hier versorgt CARE die Menschen mit warmer Winterkleidung. (Foto: Sabine Wilke/CARE)

An einem Tag Mitte Dezember stehe ich mit meinem neuen Mantel in Sjenica im Südwesten Serbiens. Die Stadt liegt auf einem Hochplateau, der Wind fegt erbarmungslos bei Temperaturen von minus 10 Grad Celsius. Ich sehe Kinder, die im Schnee spielen. Das könnte idyllisch sein, ist es aber nicht: Einige der Kinder tragen nur leichte Pullover, andere sind stark erkältet. Und manche sehen mich mit einem Blick an, der davon erzählt, welchen Horror sie miterleben mussten. Diese Kinder sind aus dem Irak oder Afghanistan, aus Syrien und anderen Ländern geflohen, wo Gewalt und Krieg den Alltag beherrschen. Seit im Frühjahr 2016 die Grenzen geschlossen wurden, stecken tausende Flüchtende auf dem Balkan fest. In Serbien kommen jedoch immer noch 200 bis 250 Menschen pro Tag an. Sie werden in offiziellen Camps – meistens ehemalige Hotels, Fabriken und Tankstellen – untergebracht. Ihre Verzweiflung ist greifbar, als ich durch das Hotelgebäude hier in Sjenica laufe. 15 bis 20 Menschen leben in einem kleinen Raum. Sie haben Decken an ihren Hochbetten aufgehängt, um wenigstens etwas Privatsphäre zu haben, müssen für die Toilette anstehen und warten auf Informationen, auf einen Hoffnungsschimmer. Sie können Asyl in Serbien oder eine Familienzusammenführung beantragen, falls einer ihrer Verwandten bereits in einem EU-Land wohnt. Aber die Verfahren sind langwierig und die Regelungen werden restriktiver, je stärker in Europa der Druck von rechts zu spüren ist.

Flüchtlingskinder spielen im Schnee. Sie wollen einen Schneemann bauen. (Foto: Sabine Wilke/CARE)

Flüchtlingskinder spielen hier in Sjenica im Schnee. Viele von ihnen hatten zunächst nur leichte Pullover an. (Foto: Sabine Wilke/CARE)

Die letzte Option ist es, einen Schleuser zu bezahlen. Doch es wird streng kontrolliert an den Grenzen, die Routen sind gefährlicher geworden, die Angst vor Festnahmen ist groß. Was bleibt den Menschen? Warten. Morgens schon frierend aufwachen und nicht wissen, was die Zukunft bringt. Mitanzusehen, dass die eigenen Kinder wertvolle Zeit verlieren, in der sie nicht zur Schule gehen können.

Hier in Sjenica verteilt CARE mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes warme Winterkleidung. Ich freue mich, einige der Kinder wiederzusehen, die vorhin im Schnee gespielt haben. Jetzt stehen sie mit ihren Eltern in der Schlange. Die Freiwilligen, die die Verteilung organisiert haben, nehmen sich Zeit, um für jedes Kind die passenden Stiefel, Mützen und Handschuhe in der passenden Größe für kleine Händchen herauszusuchen. Die Erwachsenen erhalten Decken, Hygiene-Sets und Bettlaken. Die Farbe der Handtücher möchten einige selbst auswählen. Das ist wahrscheinlich die einzige Wahl, die sie seit langer Zeit treffen können, und die Geduld der Helfer ist eine Geste des Respekts. Ja, diese Hilfsgüter sind nicht viel. Sie sind kein Visum, um die Grenze überqueren zu können. Sie sind nicht die Zukunft, für die diese Menschen ihr Leben riskiert haben. Doch sie geben den Geflohenen etwas Wärme während dieser kalten, kalten Weihnachtszeit. Die Gesichter, in die ich blicke, wollen nicht abhängig von der Hilfe anderer sein, sie haben sich das nicht ausgesucht. Sie sind vor Krieg und Verfolgung geflohen, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten. Wären wir vor diese Wahl gestellt, wir würden uns genauso entscheiden.

Sergej Kanazir arbeitet bei einer CARE-Partnerorganisation. Er und seine Kollegen und Kolleginnen nehmen sich viel Zeit, um passende Kleidung für die Kinder auszusuchen. (Foto: Sabine Wilke/CARE)

Helfer Sergej Kanazir und die anderen Freiwilligen nehmen sich viel Zeit, um passende Kleidung für die Kinder auszusuchen. (Foto: Sabine Wilke/CARE)

Dieses Jahr habe ich meine Weihnachtseinkäufe früh geschafft: Bücher und Konzerttickets, Kleidung und Spielzeug, schöne Dinge für Menschen, die mir nahe stehen. Ich kann dieses Geld ausgeben, und habe dennoch genug übrig, um meine Wohnung zu bezahlen, in Urlaub zu fahren, mich zu versorgen. Ich werde deshalb den gleichen Betrag, den ich für Geschenke ausgegeben habe, auch spenden. Warum, wenn ich doch bereits für eine Hilfsorganisation arbeite und dafür bezahlt werde? Für mich sind das zwei verschiedene Paar Schuhe: Ja, ich arbeite für CARE und verdiene dadurch meinen Lebensunterhalt. Aber ich gehöre auch zu den glücklichen Bürgern eines freien und wohlhabenden Landes, mit einem festen Einkommen und habe die Mittel, um zu helfen. Ich empfinde das als ein Privileg.

Meine Weihnachtsspende geht an CARE. Das ist die Organisation, die ich kenne und der ich vertraue. Ich weiß aus erster Hand, wie sorgfältig und effizient das Geld weltweit in Projekte wie das in Serbien fließt. Ich habe in vielen Ländern erleben können, wie besonders Frauen und Mädchen gestärkt werden in unserer Projektarbeit. Es ist eine persönliche Entscheidung, für welches Anliegen man Geld spenden möchte, am besten sogar regelmäßig. Aber egal für welchen guten Zweck wir uns entscheiden: Ich wünsche mir, dass wir uns nicht von den Schreckensmeldungen dieses Jahres lähmen lassen. Ja, es gibt Krieg und Leid weltweit. Und ja, manchmal möchte man einfach die Tür hinter sich zu ziehen und nichts mehr davon hören. Doch das hilft den Kindern in Serbien, die dort einen Schneemann bauen, kein bisschen. Und es macht die Welt auch nicht zu einem besseren und gerechteren Ort. Egal, wie groß der Ozean wirkt: Es kann nie genug Tropfen geben, davon bin ich überzeugt.

Weitere Informationen zu unserer Arbeit in der Balkanregion finden Sie hier.

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