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Stolz und Vorurteile

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Das war’s also. Der Jahrestag des Erdbebens in Haiti ist vorbei. Es ist viel geschrieben, gezeigt und gesagt worden, es wurde Anteil genommen, getrauert, gelobt und kritisiert. Viele Journalisten und Besucher waren in Haiti, um der Welt zu berichten, wo das Land heute steht. Auch unsere Fotoausstellung im CARE-Büro ist gelungen und bietet den Mitarbeitern den ganzen Monat über die Gelegenheit, Bilanz zu ziehen, miteinander über das vergangene Jahr zu reden und nach vorne zu schauen. Und hoffentlich auch ein bisschen stolz zu sein auf das Geleistete.

Unsere Fotoausstellung im CARE-Büro lässt die Mitarbeiter Bilanz ziehen, diskutieren, erinnern und nach vorne schauen. (Foto: CARE/Wilke)

Trotzdem gab es in dieser Woche auch hin und wieder einen fahlen Beigeschmack des öffentlichen Interesses. Hier ein reißerisches Video eines kleinen Internetkanals, dort ein polemischer Nebensatz in einer großen Tageszeitung. Die Stereotype über Haiti und die Hilfe fanden sich auch in vielen Leserkommentaren im Internet wieder. Aber ist da was dran?

„Die Haitianer packen selbst nicht mit an“

Wer länger als fünf Minuten in Haiti ist, sieht, dass dieser Eindruck nicht weiter von der Realität entfernt sein könnte. Überall arbeiten Menschen auf den Straßen daran, Schutt und Geröll wegzuräumen. In den Camps bildeten sich schnell Komitees, in denen besprochen wird, was die Bewohner benötigen und wie Hilfsorganisationen Unterstützung leisten können. Die Übergangshäuser, die CARE baut, werden eigentlich von den Familien selbst errichtet: mit fünf Freiwilligen, die von einem CARE-Ingenieur technische Beratung erhalten. Über 1.000 Häuser sind so bereits entstanden. Wer die Menschen fragt, was sie am dringendsten brauchen, hört eigentlich immer: Arbeit. Die Möglichkeit, selber Geld zu verdienen und sein eigenes Leben wieder gestalten zu können. Und mir ist hier noch nie jemand begegnet, der einfach nur seine Hand aufgehalten hat, ohne selbst aktiv zu sein. Nur neulich flüsterte ein kleines Mädchen in mein Ohr, ob ich ihr beim nächsten Besuch eine Puppe mitbringen könnte. Ein bescheidener Wunsch inmitten von so vielen Bedürfnissen.

„Die NGOs fahren mit großen Geländewagen durch die Straßen“

Das stimmt. Auch CARE hat nach dem Erdbeben zusätzliche Autos gekauft oder angemietet. Das Büro ist von 133 auf 504 Mitarbeiter gewachsen und CARE arbeitet in mehreren Provinzen des Landes. Die Geländewagen fahren also früh morgens hinaus, zum Beispiel nach Carrefour oder Léogâne, wo CARE unter anderem Camps mit Wasser versorgt und Übergangshäuser baut. Viele Autos sind mit bis zu zehn Mitarbeitern besetzt, auf zwei gegenüberliegenden Sitzbänken im Innenraum. Wir nennen sie hier mit Augenzwinkern „Ambulanzwagen“. Ein kleiner PKW würde auf den nicht asphaltierten Straßen einfach steckenbleiben und könnte höchstens fünf Leute transportieren. Und abends sieht man die Geländewagen dann eben wieder in Port-au-Prince, auf dem Heimweg von der Arbeit. Eine Kollegin sagte neulich treffend: „Es gibt genügend Probleme in Haiti, über die es sich lohnt, zu diskutieren. Da muss man nicht eins erfinden.“

„Die Spenden wurden immer noch nicht alle ausgegeben“

CARE hat bis jetzt rund 52 Prozent der Spenden eingesetzt. Warum noch nicht alles? Weil gute Hilfe Planung braucht, damit die Gelder ihre Wirkung erzielen. In den ersten drei Monaten ging es darum, den Menschen das unmittelbare Überleben zu retten. Dafür wurde ein großer Teil der Spenden sehr zügig umgesetzt. Aber der Wiederaufbau ist eine langfristige Aufgabe. Beispiel Unterkünfte: CARE-Teams haben mit der Bevölkerung gesprochen, welche Art Übergangshaus sie sich vorstellen können und geprüft, welche Materialien zügig beschafft werden können. Dann mussten Landrechte geklärt und Schutt weggeräumt werden. Oder das Gesundheitsprogramm: Anstatt Parallelstrukturen zu schaffen, bemüht sich CARE, mit existierenden medizinischen Einrichtungen und traditionellen Geburtshelferinnen zusammenzuarbeiten, um Frauen in den Camps während der Schwangerschaft zu begleiten und ihnen die Möglichkeit zu geben, unter sicheren Bedingungen zu entbinden. Dazu braucht es Planung und Abstimmung, gleichzeitig stellen wir so aber auch sicher, dass die lokalen medizinischen Einrichtungen und die vorhandenen Fachkräfte nachhaltig gestärkt werden.

„Die internationalen Helfer essen abends in teuren Restaurants“

Die durchschnittliche Woche hier hat mindestens sechs Tage, jeder Tag um die zwölf Arbeitsstunden. Wir sind um sieben Uhr morgens im Büro und abends selten vor 19, 20 Uhr zu Hause. Es ist ein Privileg, hier mitarbeiten zu können und einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass Haiti wieder auf die Beine kommt. Aber ganz ehrlich: Manchmal braucht man auch etwas Ablenkung, um die Batterien aufzuladen. Natürlich hat man einen Kloß im Hals, wenn man vor einem gedeckten Tisch sitzt und weiß, dass rundherum viele Menschen nicht wissen, wie sie am nächsten Tag ihre Bäuche füllen können. Für mich ist dieses Dilemma, diese Ungerechtigkeit meist belastender als alle langen Arbeitstage, holprigen Autofahrten oder sonstigen Herausforderungen. Trotzdem bin auch ich schon einige Male in Port-au-Prince essen gegangen und habe dabei ein Glas Wein getrunken und gelacht.

Ich denke bei dieser Kritik auch immer an einen Sonntag im Februar zurück. Damals fuhr das CARE-Nothilfeteam für einen Tag aus der Stadt hinaus ans Meer. Der Cheflogistiker hatte gerade zwei Wochen lang Verteilungen von Reis organisiert und dafür rund um die Uhr gearbeitet. Fast 13.000 Menschen konnte CARE so versorgen. Spät abends fiel der Kollege todmüde in sein Zelt, um am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang wieder vor Ort zu sein. An diesem Sonntag aber saß er dann mit Badehose, Sonnenbrille und einem kalten Getränk am Strand und genoss das Meer. Wer nicht wusste, was dieser Mann zuvor geleistet hatte, wäre sicher empört gewesen. Wie kann man nur, inmitten einer solchen Katastrophe? Die Antwort lautet: Man muss sogar. Um am nächsten Tag wieder vor Sonnenaufgang aufzustehen und dabei zu helfen, dieses Land wieder aufzubauen. Wie es seit einem Jahr Millionen von Haitianern und tausende ausländische Helfer machen. Damit es in diesem Jahr stetig mehr positive Schlagzeilen aus Haiti gibt.

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1 Kommentar to “Stolz und Vorurteile”

  1. get noticed! communications blog Says:

    [...] über die Klischees, die in den klassischen Medien immer über humanitäre Einsätze bestehen, wie die großen Geländewagen der Hilfsorganisationen.  Oder aber über den Alltag und die Lebensbedingungen im Land. Bei kürzeren Reisen sind es dann [...]

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