Südostasien unter Wasser: Leben im Mekong Delta

11. November 2011  |  Autor: (269 Artikel)
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von Lara Franzen, Nothilfekoordinatorin von CARE International Vietnam

Trotz Fluten, normalen Routine: Wäsche waschen in den Fluten und fischende Kinder auf den Dächern ihrer Häuser. (Foto: CARE/Wecker)

Trotz Fluten, normale Routine: Wäsche waschen in den Fluten und fischende Kinder auf den Dächern ihrer Häuser. (Foto: CARE/Wecker)

Eingeengt in einem Kanu werde ich vorsichtig durch das Schilfrohr im Mekong-Delta im Südwesten Vietnams gerudert. Mir wird erzählt, dass sechs Meter unter der Wasseroberfläche Reisfelder waren. Felder, die vor nur einem Monat Hoffnung auf eine großartige Ernte machten, und mit ihr die Möglichkeit der Existenzsicherung und damit ein Weg aus der extremen Armut. Die grotesken Anblicke um mich herum stechen sehr ins Auge: die Spitzen der von Reet gedeckten Häusern, versunkene Grabsteine von Friedhöfen und Hochspannungsleitungen, an denen wir auf Augenhöhe vorbeiziehen.

Ich war nicht vorbereitet auf die enorme Anzahl der Familien, die durch die Wassermassen von jeglicher Zivilisation getrennt sind. Als wir an ihnen vorbei fahren, begrüßt uns eine Großfamilie mit einem Lächeln. Unverwüstlich und anpassungsfähig finden sie Zufriedenheit mit dem, was zurückgeblieben ist von ihrer normalen Routine: Wäsche waschen in den Fluten und fischende Kinder auf den Dächern ihrer Häuser. Diejenigen Familien, deren Häuser komplett verwüstet wurden, wurden von der Regierung in höher gelegene Gegenden gebracht. Aber Familien, deren Häuser nur teilweise geflutet wurden, müssen bleiben, wo sie sind.

Wir fahren buchstäblich in den Vorhof eines Holzhauses und finden zwei Frauen, beide sind Mitte dreißig, und fünf Kinder, die sich offensichtlich langweilen. Der dortige Gemeinderat hat alle Schulen geschlossen um Kinder vor dem Ertrinken auf dem Schulweg in den unsicheren und unberechenbaren Fluten zu bewahren. Wir quetschen uns in den einen Raum des Hauses und mir fällt sofort das organisierte Chaos auf: Eine Ecke ist mit Ferkeln gefüllt, eine andere mit von ihrer Mutter bewachten Küken. Eine weitere Ecke ist für die Lagerung von Küchenutensilien und einem fast leeren Sack Reis vorgesehen, der übrige Platz ist zum Schlafen. Nur ein paar Zentimeter unterhalb des Fußbodens schwappt das Wasser und flutet einen Schuh in den Raum. Ich frage mich, ob der Schuh der Frau gehört oder ob ich ihn aus den Fluten holen sollte.

Ein dreijähriger Junge schläft tief und fest in einer Hängematte, seine Wangen sind gerötet und seine Mutter erzählt uns, dass er an Durchfall leidet. Mit keiner Latrine und keinem trockenen Land in Reichweite sind die Fluten für diese Familie die einzige Möglichkeit, ihr Geschäft zu verrichten. Die Familie des kranken Jungen überlebt momentan nur mit Hilfe eines  Sacks Reis von 10 Kilogramm, der ihnen von einem örtlichen buddhistischen Orden gegeben wurde. Ich frage, woher sie ihr Wasser bekommen, und die Mutter zeigt auf die Fluten neben uns.

CARE verteilt Reis an die Betroffenen der Fluten. (Foto: CARE/Wecker)

CARE verteilt Reis an die Betroffenen der Fluten. (Foto: CARE/Wecker)

Ein paar Hausbesuche später wird mir gesagt, ich soll meine Hose hoch krempeln und ins Wasser springen. Wir versuchen eine Gruppe von Häusern in der Gemeinde Hau Thanh Dong zu erreichen. Nachdem wir durch das Wasser gewatet sind, erreichen wir ein Haus, das teilweise unter Wasser steht. Ich werde eingeladen, mich auf dem Boden nieder zu lassen, und bin mir sehr bewusst, dass meine nasse Hose Flecken hinterlässt. Die Bewohner des Hauses alt und körperlich behindert. Ihre Füße fehlen oder sind entstellt von Bombenanschlägen während des Vietnam-Kriegs. Ihre knorrigen Gesichter sind vom Leben gezeichnet, jede Runzel oder Falte erzählt eine Geschichte über heiße Tage in der Sonne und den Kampf ums Überleben in dieser armen Region. Sie leben von Reis und von kleinen Fischen, die sie gelegentlich von den Nachbarn aus dem Dorf geschenkt bekommen, denn sie können nicht alleine in oder aus einem Boot steigen und haben keine eigenen Einnahmen.

Die im Mekong Delta lebende Bevölkerung ist den jährlichen Fluten kampflos ausgesetzt, da sie zu arm sind, um woanders hinzuziehen. Sicher ist, dass die Fluten im Jahr 2011 alles andere als normal sind. Die Menge an Wasser in der Welt ändert sich nie, sie bleibt immer gleich. Mit soviel Wasser, wie wir momentan in Südostasien haben, bin ich verwundert, wo auf dieser Erde es so trocken sein soll, wie es hier nass ist? Vielleicht ist das Gegenteil die extreme Dürre am Horn von Afrika, die wir momentan im Fernsehen sehen? Das Argument des Klimawandels ist für jene Familien bedeutungslos, die an Dürren oder Fluten leiden. Sie alle teilen das Unglück, nicht zu wissen, wie sie sich und die Familie am nächsten Tag ernähren sollen. CARE leistet in Vietnam Nothilfe und ich bin stolz ein Teil dieser Organisation zu sein.

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