Südsudan: Festsitzen in Bentiu

3. August 2014

Sandra Bulling ist Koordinatorin für Medien und Kommunikation bei CARE International. Sie beschreibt ihre Eindrücke in Bentiu, einem Flüchtlingslager im Südsudan.

    In einem Flüchtlingslager müssen die Familien besonders schwer an den Folgen von Fluten leiden. (Foto: Josh Estey/CARE)

Besonders in einem Flüchtlingslager müssen die Familien sehr schwer an den Folgen einer Überflutung leiden. (Foto: Josh Estey/ CARE)

Letzte Woche hatte ich Angst, fest zu sitzen. Nicht im Verkehr, nicht im Büro – sondern in Bentiu. Wo genau? Bentiu ist eine kleine Stadt im Südsudan. Eine Stadt, in der während der letzten sechs Monate schreckliche Massaker passiert sind. Hier leben 50.000 Menschen auf einem UN-Gelände.

Die ganze Nacht über hatte es geregnet. Die Landebahn war überflutet und wurde eine Straße aus rotem Schlamm. Die kleinen, weißen Flugzeuge konnten dort nicht mehr landen.

Als ich am frühen Morgen die Tür meines Schlafcontainers öffnete, regnete es immer noch. Die Tropfen dämpften alle Geräusche. Neben dem Prasseln auf dem Containerdach hörte ich nur die schrillen Schreie einer Familie von Mangusten – Erdmännchen-ähnlichen Tieren. Sie waren auf Schlangenjagd. Das Flüchtlingslager teilen sich die Menschen hier mit Kobras und schwarzen Mambas.

Die Sonne ging auf, und ich sah das ganze düstere Lager vor mit liegen.  Alles war überflutet, der Schlamm war knietief und es war kein Schritt ohne Gummistiefel möglich.

Drei Wochen verbrachte Sandra Bulling in dem von Hunger und Armut gebeuteltem Land Südsudan. (Foto: Josh Estey/CARE)

Drei Wochen verbrachte Sandra Bulling im Südsudan. Ein Land geplagt von Hunger und Armut. (Foto: Josh Estey/CARE)

Ich putzte meine Zähne im dreckigen Toilettenhäuschen, finster auf ein paar braune Käfer starrend, die ihren Tod während der Nacht im Waschbecken gefunden hatten. Ich dachte, ich könnte die schrecklichen Umstände hier nicht mehr länger ertragen. Den Schlamm, die überfüllten Latrinen. Die Geier, die auf Lampenpfeilern lauerten und das ganze Camp zu beobachten schienen.

Ich hatte Angst, hier festzustecken. Und mir wurde schlecht.

Doch dann schaute ich mich um und plötzlich erkannte ich die Realität. Ich war umgeben von über 50.000 Menschen, die nicht den Luxus haben, einfach wieder wegfliegen zu können wie ich. Die hier Zuflucht gesucht haben, um zu überleben. Die ihr Leben riskieren, nur um Feuerholz und Essen zu bekommen. Meistens sind es die Frauen, die diese Arbeit übernehmen, denn sie werden ja „nur“ ausgeraubt und nicht umgebracht, wie die Männer. Viele Menschen, die hier Schutz suchten, haben während der Kämpfe Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen verloren. Hier auf dem UN-Gelände mögen sie sicher sein vor Gewalt. Doch Krankheiten, Angst und Traumata bleiben.

Als wir durch das Camp gingen, schwammen menschliche Ausscheidungen um meine Knöchel. CARE betreut zwei Kliniken in Bentiu, und Durchfall ist das Hauptproblem. In anderen Teilen des Südsudans ist auch schon Cholera ausgebrochen. In Bentiu haben wir ein Zentrum zur Behandlung von Cholera eingerichtet, eine Vorsichtsmaßnahme. Ich mache mir Sorgen, dass sie bald bitter nötig sein wird.

Wir liefen weiter zum Ernährungszentrum von CARE. Es stand völlig unter Wasser. Unterernährte Kinder und ihre Mütter konnten somit an diesem Tag keine Unterstützung erhalten.

Mir wurde klar: Ich konnte und wollte mir mein Selbstmitleid nicht mehr länger erlauben. Ich blieb nur zwei Tage in Bentiu. Aber die verdrängten Familien sind schon Monate hier – und niemand weiß, wie lange sie noch bleiben werden. Während ich endlich mit einem Helikopter Bentiu verlassen konnte, bleiben meine Kollegen vom CARE-Team zurück. Ich finde kaum Worte für die Bewunderung, die ich für alle humanitären Helfer in Bentiu empfinde. Sie arbeiten gegen den Regen und die Zeit, um den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Sie geben den unternährten Kindern zu essen. Sie impfen, bandagieren, konsultieren und behandeln kranke Menschen. Sie sind dort, um die schrecklichen Lebensumstände zu verbessern. Danke.

Der Konflikt im Sudan brach im Dezember 2013 aus. Seitdem sind 1.5 Millionen Menschen aus ihrer Heimat geflohen, haben alles zurückgelassen. Viele der Flüchtlinge haben Zuflucht in den überfüllten UN-Flüchtlingslagern wie Bentiu gesucht. CARE International und andere Organisationen arbeiten unermüdlich um die Menschen mit medizinischer Versorgung, Essen für unterernährte Kinder, Sanitätsservice, Saatgut und anderen Hilfsgütern zu versorgen.

Vertreibung und drohender Hunger: CARE ruft zu Spenden für die Nothilfe im Südsudan auf!

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.