Südsudan: “Wer behandelt uns, wenn ihr geht?”

Von Loice Mukabane, Gesundheits- und Ernährungs-Managerin, CARE Südsudan

„Wenn Kämpfe ausbrechen, leiden die Kinder und die schwangeren Frauen am meisten“.  Angelina muss es wissen, sie ist werdende Mutter, die für eine pränatale Untersuchung in eine unserer CARE Gesundheitseinrichtungen gekommen war. Sie fährt fort: „Wir beten zu Gott, dass er uns Frieden schenke. Wir wollen nicht, dass wegen des Krieges unsere Nothelfer weglaufen. Wenn wir sie gehen sehen, wissen wir, dass die Lage wirklich schlimm ist. Sind sie aber hier bei uns, gibt uns das ein wenig Sicherheit. Wer würde uns behandeln, wenn sie weg sind?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Wenn Kämpfe wie die der letzten Woche im Südsudan ausbrechen, sind meine Kollegen und ich sehr besorgt, dass bewaffnete Gruppen Gesundheitseinrichtungen plündern und zerstören, in deren Aufbau und Ausstattung NGOs wie CARE so viel Arbeit gesteckt haben. Das würde die geringen Fortschritte der letzten Jahre wieder vollkommen auf null zurückdrehen. Die Helfer werden nach Hause zurückkehren und ohnehin schon verwundbare Dorfgemeinschaften ohne Gesundheitsversorgung und andere Hilfestellungen zurücklassen.

CARE arbeitet seit 1993 im Südsudan, der seit 2011 ein eigener Staat ist. (Foto: Josh Estey/CARE, 2014)

CARE arbeitet seit 1993 im Südsudan, der seit 2011 ein eigener Staat ist. (Foto: Josh Estey/CARE, 2014)

Patienten und Helfer in Angst

Hier im Südsudan konnte ich durch gezielte Hilfe im Gesundheits- und Ernährungsbereich Leben retten. Seit 2015 habe ich immer wieder an verschiedenen Orten in diesem Land gearbeitet und konnte eine positive Entwicklung verfolgen. Jetzt fürchte ich, das alles könnte verloren sein.

Südsudan, der jüngste Staat der Welt, erreichte seine Unabhängigkeit im Jahr 2011. Nur zwei Jahre später versank das Land im Bürgerkrieg. Schon zuvor vorhandene Schwierigkeiten wie ein Mangel an grundlegenden Gesundheitsleistungen, der Ausbruch von Krankheiten wie Gelbfieber oder Meningitis und hohe Raten chronischer Mangelernährung wurden durch den Konflikt dramatisch verschärft. Dieser trieb qualifiziertes Gesundheitspersonal aus dem Land.
Die Gesundheitsversorgung und dafür essentielle Infrastruktur wurden bedeutend zerstört.

Das weitgehende Ausbleiben von Regen im letzten Jahr führte bei vielen Bauern zu Missernten. Die Alarmglocken schrillen laut auf: Millionen von Menschen haben nichts zu essen. Der Südsudan ist am Rande des Kollapses, am Rande des Hungertods.

Die Arbeit geht weiter

Obwohl in der letzten Woche Gefechte in Juba und anderen Landesteilen losbrachen, setzen meine Kollegen und ich unsere Arbeit fort. Immer noch besuche ich morgens die Gesundheitseinrichtung in Mankien im Bundesstaat Unity, wo ich lange Warteschlangen schwangerer Frauen, weinender Kinder und stöhnender Erwachsener antreffe. Momentan ist Regenzeit und alle Stationen der Einrichtung sind belegt. Die Ärzte sind voll ausgelastet; Angestellte nehmen hastig Patientendaten auf. Ich höre jammernde Kinderstimmen aus dem Labor – erst Ende letzten Jahres wurde das Impfen gegen vermeidbare Krankheiten wieder aufgenommen. Nach dem Beginn des Bürgerkrieges 2013 war die Kühlkette zusammengebrochen,  auf die die Impfstoffe gegen Masern, Polio, Diphterie, Keuchhusten und Tetanus angewiesen sind. In enger Zusammenarbeit mit UNICEF konnte CARE  wieder eine stabile Kühlkette herrichten, die so viele wichtige Maßnahmen ermöglicht.

 

2014: Eine schwangere Frau erwartet eine Untersuchung in einem CARE Gesundheitszentrum.

2014: Eine schwangere Frau erwartet eine Untersuchung in einem CARE Gesundheitszentrum. (Foto: Josh Estey/CARE, 2014)


In meiner Funktion besuche ich alle diese Abteilungen, um sicherzustellen, dass die Arbeit ordnungsgemäß und nach den Vorgaben unserer Gesundheitsprotokolle vonstattengeht. Wenn der Arbeitsplan Lücken aufweist, bringe ich mich selbst auch praktisch mit ein und gebe Medizin aus oder stehe gleich mit in der Geburtsstation.

Krankheit, Regen – und wieder Kämpfe

In der aktuellen Regenzeit ist die Anzahl von Malariaerkrankungen hoch. Jeder ist betroffen – auch die Helfer selbst werden krank. Die Krankenhausstationen sind so rappelvoll, dass Patienten sich sogar das Bett teilen müssen. Das CARE Health Promotion Team informiert die Leute im Ort darüber, wie man Malaria vorbeugen kann und wie wichtig die medizinische Behandlung schon im frühen Krankheitsstadium ist. Mich freut es sehr, dass CARE es geschafft hat, hochqualifiziertes Krankenpersonal in seinen Gesundheitseinrichtungen anzustellen. Solche Arbeitskräfte auch für Jobs in den abgelegenen Landesteilen des Südsudans zu finden, ist eine große Herausforderung. Meistens bevorzugen sie eine Arbeit in den sichereren Städten.

Gelegentlich erleben wir sehr schwierige Geburten im Gesundheitszentrum und müssen werdende Mütter zum Kaiserschnitt an eine Einrichtung verweisen, die man nur nach dreistündiger Fahrt über eine staubige, holprige Straße erreicht. Die Logistik wird gerade in der Regensaison durch den schlechten Zustand der Straßen massiv erschwert. Dann bete ich zu Gott, dass er den Himmel verschließen möge, damit die Fahrt ins Krankenhaus nicht hinausgezögert wird. Immer wenn sich Gewalt Bahn bricht, wie in der letzten Woche, fürchten sich die Patienten davor, in ein anderes Krankenhaus gehen zu müssen, wo sie fern von ihrer Familie sind. Die Straßen werden dann zu sehr gefährlichen Orten, da Kämpfe unvermittelt und ohne Vorwarnung ausbrechen können.

Wenn das Kämpfen anhält, werden nicht nur viele Menschen dadurch sterben, sondern auch durch Hunger und Krankheit. Das Krankenpersonal wird nach Hause zurückkehren, denn viele von ihnen sind ursprünglich in Kenia oder Uganda stationiert, wo es für sie und ihre Familien sicher ist. Die Ernte wird verderben, weil es niemanden gibt, der sie einbringt. Das wird den allgemeinen Hunger verschlimmern. Die wenigen Schulen, die wieder geöffnet hatten, werden der Natur überlassen und von Insekten und anderen Tieren bevölkert werden.

Der einzige Weg in eine Zukunft für den Südsudan führt nur über einen stabilen Frieden durch Dialog. Damit Mütter wie Angelina nicht ohne lebensnotwendige Gesundheitsversorgung zurück gelassen werden.

Mehr zu der Arbeit von CARE im Südsudan finden Sie hier.

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.