Syrien: Das muslimische Opferfest Eid al-Adha hat sich verändert

Vertriebener mit seinem Sohn

Millionen von Menschen wurden durch den Konflikt in Syrien vertrieben. (Foto: Violet/CARE)

2004: „Es ist wieder Eid und mindestens 35-45 Mitglieder unserer Familie sind im Haus meiner Mutter zusammengekommen. Über das ganze Haus sind sie verteilt: im Wohnzimmer, in den Schlafzimmern, in der Küche, sogar auf dem Dach. Die Glücklichen sind diejenigen, die einen Stuhl zum Sitzen finden. Speisen, Süßigkeiten, Geschenke und Geld werden vom Ältesten der Familie an die anderen je nach Alter verteilt. Die glücklichste Familie ist die, die die meisten Kinder hat, denn sie bekommen die meisten Geschenke. Überraschungen, Lachen, Weinen, kleine lustige Missgeschicke und Streitereien, über die wir noch bis zum nächsten Eid reden, als das passiert, wenn wir gemeinsam feiern. Die Glücklichen sind diejenigen, die durch eine lustige Geschichte in Erinnerung bleiben.“
Von Dr. Ihlas Altıncı, sie ist Beraterin für Müttergesundheit bei CARE in der Türkei und hilft grenzübergreifend den Menschen in der Türkei und in Syrien. Sie stammt aus Aleppo ist Mutter von vier Kindern.

2014: Es ist wieder Eid und wir sind nur zu sechst. Mein Mann wird vermisst und fünf unserer sieben Kinder und ich sitzen im Wohnzimmer und gucken Nachrichten. Die Glücklichen sind diejenigen, die auf WhatsApp ein „hi“ von Verwandten oder Freunden bekommen, die das Land verlassen haben. Speisen, Süßigkeiten, Geschenke und Geld sind eine verzerrte Erinnerung an Glück, die aus unserem Leben verschwunden ist. Die Glücklichen sind diejenigen, die eine beeinträchtigtes Gedächtnis haben und nicht um tote oder vermisste Familienmitglieder weinen. Überraschungen, Gelächter, Weinen, kleine lustige Missgeschicke und Streitereien sind Wut, Frustration, Angst und Isolation gewichen. Die Glücklichen sind diejenigen, die sich ihrem Schicksal völlig ergeben haben und nicht mehr streiten.
Von Amal, 50, Hausfrau aus Aleppo, Syrien und Mutter von sieben Kindern. Früher fühlte sie sich in ihrem Haus und bei ihrer Familie wie eine Königin; heute wird sie als “ Superwoman “ betrachtet, die ihre Familie allein versorgt.

Verwüstete Stadt im südlichen Syrien

Leben in einer verwüsteten Stadt im südlichen Syrien. (Foto: CARE)

2020: Es ist wieder Eid und die Augen der Jungen und Mädchen funkeln vor Freude, während sie vor Müll überfüllten Zelten tanzen, die sie „mein Zuhause“ nennen. Sie tun das nicht aus Freude, sondern weil ihnen gesagt wurde, dass sie Freude vortäuschen sollen, sonst bekommen sie keine Süßigkeiten, solange die Kameras noch eingeschaltet sind. Die Glücklichen sind diejenigen, die einen genaueren Blick in die Augen dieser Kinder werfen können, in denen man unter dem bittersüßen Lächeln, das sie auf ihren Gesichtern tragen, Weisheit, Hoffnung und Entschlossenheit erkennen können.
Sharif, 35, ist Vater von zwei Kindern und humanitärer Helfer in Idlib, Syrien. Er versorgt vertriebene Syrer in Camps in Nord-Idlib, wo die humanitäre Lage katastrophal ist.

Vertriebene in einem Camp in Idlib

Vertriebene in einem Camp in Idlib. (Foto: CARE)

Erinnerungen an Eid zuhause, in Syrien

„Als ich in Syrien war, war alles wunderschön. Ich weiß nicht, warum, aber vielleicht, weil es Teil der Erinnerungen wurde, an die ich mich klammere, vor allem wenn ich daran denke, wie alle meine Familienmitglieder auf diese besondere Zeit des Jahres gewartet haben. Für mich, der in einer anderen Stadt weit weg von meiner Heimatstadt in Syrien arbeitete, war Eid das schönste Fest, an dem ich meine Mutter, meine Brüder, Verwandten und Freunde sehen konnte. Obwohl die Feierlichkeiten einfach waren, war in meinen Augen alles wunderbar und einzigartig. Nach wie vor kann ich das Lächeln auf den Gesichtern der Kinder und die Freude in jedem Haus in meiner Nachbarschaft nicht vergessen.

Jetzt hat sich alles verändert. Eid scheint ein gewöhnlicher Tag zu sein. Nichts ist besonders. Noch schlimmer, es erinnert mich an, die wir verloren haben oder die wir schon lange nicht mehr gesehen haben. Ich versuche, glücklich zu sein, nur damit meine Kinder glücklich sind und Eid feiern können. Ich versuche, dass sie sich auf diesen Tag freuen können, indem ich ihnen neue Kleider kaufe und die Tage bis zum Eid herunterzähle. Doch bei jedem Eid haben wir das Gefühl, dass etwas fehlt, und sprechen immer wieder darüber, wie es damals in Syrien war.

Jeden Tag, und besonders während Eid, obwohl wir Eid in Syrien verpassen, danke ich Allah immer wieder, dass meine Familie und ich noch am Leben sind und ich mich dafür einsetzen kann, dass sie ein würdiges Leben führen können. Ich träume immer noch davon, dass wir eines Tages zurückkehren und das Ende des Krieges in Syrien feiern können. Ich hoffe, dass dieser Tag nicht mehr fern ist.“
Hussein Araban, CARE-Mitarbeiter in der Türkei.

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