Szenen aus einer verwundeten Stadt -
Schier endlos fahren wir durch die zerstörten Viertel von Port-au-Prince Richtung Carrefour, das westlich der Hauptstadt am Meer gelegen ist.
Straße in Port-au-Prince (Foto: CARE/Sabine Wilke)
Ein Vorankommen ist nur schwer möglich, das ganze Leben spielt sich hier auf der Straße ab, Häuser gibt es ja nicht mehr, nur noch Schuttberge, aus denen Arbeiter Metallteile herausziehen, mit bloßen Händen. Manche Gebäude sind so in sich zusammengestürzt, dass sie wie ein geschichtetes Tortenstück aussehen. Dort drinnen müssen noch Tote sein, bisher hat noch niemand in die unteren Ebenen vordringen können.
An anderen Stellen wurden die Häuser durch das Beben in Schräglage gebracht, in Kinderfilmen oder in Träumen sieht man manchmal solche Situationen. Das hier allerdings ist der reine Albtraum! Der Trümmerschutt ist von den Straßen beiseite geräumt, nur manchmal verlangsamt sich die Fahrt noch mehr, weil riesige Risse den Asphalt durchziehen, Auswirkungen der Erdstöße.
Überall Trümmer (Foto: CARE/Anne Larrass)
Wir winden uns durch die verstopften Straßen, vorbei an Händlern, Fußgängern, Notunterkünften und Autos, von denen vor allem die buntbemalten und völlig überfüllten Pick-up-Taxis einen verwegenen Eindruck machen. Über allem hängt Staub, Abgasschwaden lassen die Luft gelb erscheinen. Plötzlich eine riesige schwarze Rauchwolke, wir fahren genau in ihre Richtung. Klamme Sorge macht sich breit, was der Anlass sein könnte, dann Erleichterung, es werden nur Autoreifen verbrannt. Dies allerdings mitten unter den Händlern mit Gemüse, Obst und anderen Lebensmitteln.
Als wir Carrefour erreichen, ist dort die Augabe von “Non-Food-Items” schon in vollem Gange. Ernst blickende Frauen tragen die erhaltenen Güter weg – Decken, eine Matratze, Wasserkanister. Trotz des Ernstes liegt ein stolzes Lächeln auf den Gesichtern, das sagt: “Wir haben es überlebt!” Mir sagt das Lächeln auch, dass diese Frauen und ihre Familien es schaffen werden. Sie gehen nicht gebeugt, sie nehmen dankbar entgegen, was CARE ihnen geben kann und sie wissen ihre unverletzliche Würde gewahrt. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, als ich mich selbst in die Reihe der Materialausgeber einreihe. Der Ablauf ist an und für sich einfach.
Gemeinsam stehe ich mit anderen Helferinnen und Helfern in einer Reihe und bin für die Ausgabe von Filzdecken zur Abdichtung der Notunterkünfte zuständig. Bücken, zwei Decken vom Stapel nehmen, zusammenrollen, übergeben, erneut bücken usw. – das geht beim dritten Mal schon flott von der Hand. Doch da ist der Moment der Übergabe. Genau in diesem Moment schaue ich in die Augen der jeweiligen Empfängerin und weil die Augen der Spiegel der Seele sind, erschließt sich in diesem Augen-Blick das ganze Ausmaß der Tragödie – aber eben auch die grenzenlose Hoffnung dieser Frauen, die für ihre Familien die Hilfsgüter entgegen nehmen. Ein scheu gemurmeltes “Merci” ob des ungewohnten weißen Helfers (CARE arbeitet ja durchgehend mit einheimischen Kräften), dann steht die junge Frau schon bei der nächsten Station und balanciert ihre Hilfsgüter auf dem Kopf und mit beiden Händen nach Hause.
Das Zuhause ist momentan allerdings ein Verschlag, ein Zelt oder ein Platz unter einer Plastikplane. Ein Gang durch das Camp offenbart sofort die Probleme: nicht wetterfest, kaum Platz, von außen einsehbar, keine Müllentsorgung, Hygiene katastrophal. CARE wird in den kommenden Wochen verstärkt Notunterkünfte bauen, vor allem mit aus China angelieferten Plastikbahnen, für Zelte reicht der Platz nicht aus. Wenn diese Unterkünfte nicht kommen, wird die Lage noch dramatischer als ohnehin, mögliche Unruhen mit eingeschlossen. Die Hilfsorganisationen haben die Vorgehensweise untereinander abgesprochen, CARE kümmert sich um die Ärmsten der Armen und um Gebiete, die noch nicht erschlossen sind. Es gibt immer noch wilde Camps, in denen sich Verzweifelte zusammen gefunden haben und ums Überleben kämpfen. Sie werden es nur schaffen, wenn wir an ihrer Seite sind.
Tags: Erdbeben, Haiti, Hilfsgüter, Nothilfe, Regenzeit





12. März 2010 at 10:33
Erschütternd und Hoffnung machend zugleich! In meinem Bewußtsein war diese Tragödie irgendwie schon wieder ganz weit weg, verdrängt und überlagert durch andere täglich neu auf einen einprasselnden Schlagzeilen. Um so wichtiger ist, daß die Erinnerung wachgehalten wird und auch die Hilfs-Fortschritte beschrieben werden durch diese Berichte aus 1. Hand.