„Tahreeb“ – Reisen mit Risiko

 

Sadeem hat nichts mehr. Sie hat alles verkauft, Schulden aufgenommen, um ihren Sohn aus den Händen der 'Magafe' zu befreien. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Sadeem hat nichts mehr. Sie hat alles verkauft, Schulden aufgenommen, um ihren Sohn aus den Händen der ‚Magafe‘ zu befreien. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Ich treffe Sadeem in dem kleinen Dorf Xaaxi in Somaliland, drei staubige und holprige Stunden von der nächstgrößeren Stadt Burao entfernt. Zusammen mit weiteren Frauen und Kindern sitzt sie unter einem Mangobaum. Ihre Hände liegen in ihrem bunten Tuch gefaltet, ihre Stimme bricht vor Trauer, während sie spricht. Sie berichtet, wie sie eines Morgens aufwachte, und ihr größter Alptraum wahr wurde: Das Bett ihres Sohnes Abdulrasheed war leer. Diesen Moment hatte sie, wie auch die anderen Frauen in dem Dorf, gefürchtet. Abdulrasheed hatte seine Drohung, das Land zu verlassen, wahrgemacht. Wie mehr als tausend andere junge Somalis dachte er, dass „Tahreeb“ seine einzige Chance auf ein besseres Leben ist.

„Tahreeb“, das heißt übersetzt „Reise mit Risiko“. Für Sadeem folgten Wochen des Wartens und des Bangens um das Leben ihres Sohnes. Von anderen Müttern im Dorf wusste sie, wie die Reise normalerweise abläuft: Abdulrasheed würde zunächst einige Tage zu Fuß und mit Mitfahrgelegenheiten zur äthiopischen Grenze brauchen. Von dort würde er von Menschenschmugglern in den Sudan oder Libyen gebracht werden, wo somalische Flüchtlinge häufig für Wochen festgehalten werden, bis die Familie ein hohes Lösegeld zahlt.

Für Wochen hatte Sadeem Alpträume, dachte an die kleinen Boote, die auf unsicheren Gewässern über das Mittelmeer schaukeln, an die Bilder der Toten, die vor Inseln wie Lampedusa geborgen werden. Somalische Flüchtlinge machten 2014 zwar nur zwei Prozent der Bootsflüchtlinge aus. Aber bei Schiffsunglücken verzeichneten sie häufig besonders viele Tote und Vermisste. 50 von etwa 500 Jugendlichen haben letztes Jahr Xaaxi verlassen. Von 21 haben die Zurückgebliebenen bis heute kein Lebenszeichen gehört.

Nach vier Wochen kam er dann aus Libyen, der Anruf der „Magafe“, der Unersättlichen, vor denen es kein Entkommen gibt, wie sie die Menschenhändler hier nennen.
„Sie schlugen meinen Sohn mit einer Eisenstange und drückten Zigaretten auf ihm aus, während er mit mir am Telefon sprach. Er schrie und flehte mich an, das geforderte Geld zu überweisen. Die Männer, die ihn misshandelten, drohten, ihn umzubringen“, erzählt Sadeem, ihr Blick voller Leid und Kummer. Sie bekam drei weitere Anrufe. Jedes Mal wurde ihr Sohn wieder misshandelt, jedes Mal überwies sie Geld an die „Magafe“. Wo ihr Sohn jetzt sei, frage ich sie. Sie wüsste es nicht genau sagt sie, „Austria“ oder „Australia“. Sadeem hat kaum Lesen und Schreiben gelernt, sie kennt nicht viel außerhalb ihres Dorfes. Wir stellen fest, dass er vermutlich in Österreich ist. Für die trauernde Mutter macht das keinen Unterschied, für sie zählt: Ihr Sohn ist weg.

Umgerechnet etwa 18.000 Euro musste sie zahlen, damit ihr Sohn am Leben bleibt. Sie verkaufte ihr Haus, ihre Ziegen, musste ihren gesamten Clan, um Hilfe bitten. „Die Magafe wissen, dass somalische Eltern zahlen werden“, erklärt mir meine Kollegin Hodan Elmi. „Es gab einen Fall hier, wo die Familie das Geld nicht schnell genug überwies. Der Sohn wurde geköpft, während die Eltern am Telefon um Aufschub baten.“ Somalia rangiert auf den Top 10 der Herkunftsländer von Flüchtlingen auf Platz 3. Über 16.000 Somalier befanden sich letztes Jahr insgesamt in EU-Ländern, fast eine Million lebt in Nachbarländern Somalias wie Kenia, Äthiopien oder Dschibuti.

Abdulrasheeds Geschichte ist keine Einzelheit – im Gegenteil. In den letzten Tagen haben wir mit Universitätsstudenten gesprochen, mit Eltern, Schülern, Marktverkäufern. Wir haben sie gefragt, was ihrer Meinung nach die größte Herausforderung für ihr Land ist. Die Antwort war immer dieselbe: „Tahreeb“. Bei einer Arbeitslosigkeit von über 70 Prozent und anhaltenden Kämpfen sehen viele Menschen keine Alternative, als das Land zu verlassen.

„Viele Jugendlichen möchten eher sterben, als hier zu bleiben. Sie sind aufgewachsen mit Flucht, Gewalt und Vertreibung. Sie kennen nichts anderes. Sein weniges Hab und Gut zu packen und weiterzuziehen, ist häufig eine schnell gefällte Entscheidung“, erklärt mir meine Kollegin Hodan, für die die Reise andersherum verlief: Geboren und aufgewachsen in London als Kind somalischer Eltern ist sie vor fast zehn Jahren zurückgekehrt, um ihr Land mitaufzubauen. Die Diaspora-Gemeinde vor allem in Somaliland ist groß: Hunderte Menschen kommen jedes Jahr zurück, investieren in ihr Land, gründen Firmen, bauen Schulen und Straßen. Über 1,4 Milliarden Euro sendet die somalische Diaspora jedes Jahr nach Hause – mehr als alle Entwicklungshilfe und Direktinvestitionen zusammen.

Sadeem mit vier von ihren fünf Töchtern vor ihrem Haus aus Pappkartons. Keine ihrer Töchter kann mehr zur Schule gehen. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Sadeem mit ihren Töchtern. Für ihren Lebensunterhalt kann Sadeem kaum mehr aufkommen. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Für Sadeem ist das kein Trost, im Moment lebt Abdulrasheed noch in einem Flüchtlingsheim, er kann nicht arbeiten und ob er anerkannt wird, ist vollkommen unklar. Sadeem zeigt mir das kleine Haus, das sie aus Pappkartons, Holzstäben und gewebten Stoffen zusammengezimmert hat. „Das ist alles, was ich jetzt habe“, sagt sie mit leiser Stimme. „Meinen fünf Töchtern, die noch hier mit mir leben, kann ich nichts mehr bieten, die Krankenhausrechnungen für meinen kranken Mann nicht begleichen.“

Ich frage sie, ob sie wütend auf ihren Sohn ist, er wusste doch, dass das passieren könnte. Sie schüttelt mit dem Kopf. „Ich bin vor allem traurig aber froh, dass er am Leben ist. Er ist doch mein Sohn, mein Kind!“ Sadeem wird ganz still und nachdenklich, ihr Blick schweift über das Dorf, an dessen Grenzen sie ihr neues Heim jetzt aufgebaut hat, über die Weideflächen für die Schafe und Ziegen. Dann sagt sie mit fester Stimme: „Das ist nicht nur eine Katastrophe für unsere Familie, es ist auch ein Desaster für unser ganzes Land. Die jungen Menschen fliehen vor Krieg und Perspektivlosigkeit. Aber wie sollen wir denn ohne sie hier eine bessere Zukunft aufbauen?“

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Erfahren Sie mehr über die ereignisreiche Reise von Johanna Mitscherlich:

Teil 1: Reise ins Land der Piraten

Teil 2: Wasser ist L…!

 

 

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