The Lotus Flower – Hoffnung für geflüchtete Frauen und Mädchen

Als Kind musste sie aus dem Irak fliehen, als Erwachsene kehrte sie mit einer Mission zurück: Frauen und Mädchen zu helfen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Die Rede ist von Taban Shoresh, Gründerin der CARE-Partnerorganisation „The Lotus Flower”. Die Organisation hilft Frauen und Mädchen in Flüchtlingscamps in Nordirak, ihre Kriegerlebnisse zu verarbeiten und sich eine neue Perspektive aufzubauen. Über 30.000 Frauen und Mädchen haben Taban und ihr Team bereits erreicht.

Boxen gegen das Trauma: Das Boxtraining hilft den traumatisierten Frauen, ihre Ängste zu verlieren und neues Selbstvertrauen aufzubauen. (Foto: The Lotus Lower)

Boxen gegen das Trauma: Das Boxtraining hilft den traumatisierten Frauen, ihre Ängste zu verlieren und neues Selbstvertrauen aufzubauen. (Foto: The Lotus Lower)

Taban, wie bist du auf die Idee gekommen, Frauen und Mädchen im Irak zu helfen?

2014 hat der sogenannte Islamische Staat die Kontrolle über irakische Städte und Regionen wie Mosul und Sinjar gewonnen und verfolgte gerade die dort lebende jesidische Gemeinschaft äußerst brutal. Männer wurden zu Soldaten gemacht, Frauen wurden vergewaltigt und als Sklavinnen verkauft.

Diesen Frauen wollte ich helfen, ich konnte nicht länger tatenlos zuschauen. Also kehrte ich in den Irak zurück. Dort besuchte ich Flüchtlingscamps und fragte die Frauen, welche Unterstützung sie sich wünschen.

Und welche Art von Unterstützung wünschen sie sich, wie leistet „The Lotus Flower” Hilfe?

„Was uns angetan wurde, kann nicht wieder rückgängig gemacht werden”, berichten mir die Frauen. „Aber wir müssen unsere Kinder versorgen können, wir müssen Geld verdienen, um unsere Familien zu versorgen. Wir möchten nähen lernen, ein eigenes Einkommen erwirtschaften und unabhängig werden“.

Also haben wir in Zusammenarbeit mit CARE ein Einkommensprojekt aufgebaut. Frauen, die nie eine Schule besucht haben, lernen bei uns das Lesen und Schreiben; sie lernen, wie sie sich ein eigenes Unternehmen aufbauen können und können so selbst Geld verdienen. Außerdem bieten wir psychosoziale Betreuung an und geben den Frauen und Mädchen Raum, über die erfahrene Gewalt zu sprechen, sie zu verarbeiten.

Khonaf ist eine von über 30.000 Frauen, denen CARE und The Lotus Flower im Nordirak bereits geholfen haben. Durch ihre Teilnahme an einem Einkommensprojekt hat sie sich ihr eigenes Unternehmen aufbauen können. (Foto: CARE/The Lotus Flower)

Khonaf ist eine von über 30.000 Frauen, denen CARE und The Lotus Flower im Nordirak bereits geholfen haben. Durch ihre Teilnahme an einem Einkommensprojekt hat sie sich ihr eigenes Unternehmen aufbauen können. (Foto: CARE/The Lotus Flower)

Hat sich die Rolle von Frauen und Mädchen im Nordirak in den letzten Jahren verändert?

Absolut. Heute stehen Frauen im Boxring, vor ein paar Jahren war das noch undenkbar. Viele Frauen kommen aus sehr konservativen Gemeinden und hatten lange nur sehr wenige Rechte. Häufig durften sie nicht einmal alleine das Haus verlassen. Während des Krieges verloren viele von ihnen Angehörige und erlebten sexualisierte Gewalt. Diese Erlebnisse wirken bis heute nach. In einem unserer Projekte haben wir drei Boxtrainerinnen engagiert, die den traumatisierten Frauen helfen, ihre Ängste durch den Sport abzubauen und neues Selbstvertrauen aufzubauen. 50 junge Frauen nehmen pro Woche daran teil. Das Projekt ist ein riesiger Erfolg, wir bekommen Unterstützung von allen Seiten.

Also hat der Krieg neben all dem Leid, das er mit sich brachte, immerhin zur Stärkung der Frauenrechte beigetragen?

So absurd es auch klingen mag, das hat er. Ich glaube, dass viele Frauen noch immer nicht lesen und schreiben könnten und ein eigenes Unternehmen führen würden, wenn sie nicht unsere Unterstützung im Camp erhalten hätten.

Eine dieser Frauen ist Haifa. Sie hatte es schon immer besonders schwer, weil sie weder hören noch sprechen kann. Während des Krieges wurden sie und ihre vier Kinder vom Islamischen Staat gefangen. Sie schaffte es, mit ihrem jüngsten Sohn zu fliehen, musste aber ihre drei anderen Kinder zurücklassen. Nach ihrer Flucht suchte sie Schutz in einem Camp, in dem Verwandte lebten, doch diese wiesen sie ab, weil sie Kontakt zum Islamischen Staat hatte. Verloren und zurückgelassen kam sie schließlich in eines der Camps, in denen „The Lotus Flower“ tätig ist. Dort lernte sie zu lesen und zu schreiben und konnte so das erste Mal in ihrem Leben uneingeschränkt mit anderen Menschen kommunizieren, ihnen ihre Nöte und Sorgen erklären. Bald wurden ihre Kinder befreit und die Familie wieder vereint. Heute leitet Haifa ein eigenes Geschäft und verkauft Guthabenkarten für Handys. So kann sie sich und ihre Familie selbst versorgen.

Wenn man also bedenkt, wie lange der Irak schon von politischer Unruhe und Konflikten bestimmt ist, sind die Fortschritte für Frauen und Mädchen enorm. Doch es gibt noch immer viel zu tun.

Boxen gegen das Trauma: Das Boxtraining hilft den traumatisierten Frauen, ihre Ängste zu verlieren und neues Selbstvertrauen aufzubauen. (Foto: The Lotus Lower)

Boxen gegen das Trauma: Das Boxtraining hilft den traumatisierten Frauen, ihre Ängste zu verlieren und neues Selbstvertrauen aufzubauen. (Foto: The Lotus Lower)

Die Coronakrise und ihre Folgen sind auf der ganzen Welt spürbar, welche Auswirkungen hat sie auf die Arbeit von „The Lotus Flower“?

Schon vor der Coronapandemie war die Situation in den Camps hoffnungslos, doch COVID-19 hat es noch zehn Mal schlimmer gemacht. Durch das Virus waren die Frauen und Mädchen in ihren Unterkünften gefangen, viele fühlten sich einsam. Die Fälle häuslicher Gewalt haben während der Isolation zugenommen, Frühehen und Suizide ebenfalls. „The Lotus Flower“ musste seine Arbeit ins Digitale verlagern, wir haben Social Media-Gruppen organisiert, in denen die Frauen sich austauschen können und bieten unsere Therapien gegen die Traumata jetzt online an.

Eine letzte Frage: Was wünschst du dir für die Zukunft von „The Lotus Flower“?

Eigentlich wünsche ich mir, dass es auf der Welt keine Camps mehr geben muss, dass niemand sein Zuhause verliert. Doch die Realität ist leider, dass überall auf der Welt Millionen Geflüchtete in provisorischen Camps leben müssen.

Deshalb wünsche ich mir, dass „The Lotus Flower“ einmal in jedem Camp auf der Welt tätig ist. Ich weiß, wie wichtig die psychosoziale Unterstützung ist, die wir anbieten und wünsche mir, dass alle geflüchteten Frauen und Mädchen sie erfahren können. So können sie ihr Trauma überwinden und selbstständig in eine neue Zukunft starten.

Dazu brauchen wir dringend mehr finanzielle Unterstützung.

Unterstützen Sie die Geflüchteten im Irak mit Ihrer Spende!

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