Türkei: „Damit sich mein Herz erholen kann“

Vor 48 Tagen flohen Aisha und ihre Verwandten aus dem syrischen Kobane in die Türkei. CARE unterstützt die Familie mit Winterhilfe. (Foto: CARE/Fatouma Zara)

Vor 48 Tagen flohen Aisha und ihre Verwandten aus dem syrischen Kobane in die Türkei. CARE unterstützt die Familie mit Winterhilfe. (Foto: CARE/Fatouma Zara)

John Uniack Davis, CARE-Länderdirektor in der Türkei, berichtet über die aktuelle Situation von Flüchtlingen aus Kobane, Syrien.

Anfang November besuchte ich das CARE-Team in der Türkei, nahe der syrischen Grenze. Vor Ort kümmern sich die Kollegen um neuangekommene Flüchtlinge aus Kobane. Als ich ankomme, soll eine Hilfsgüterverteilung stattfinden. Die Ausgabestelle für Decken und Hygienesets befindet sich in einem kleinen Dorf südlich der türkischen Stadt Suruç, in Sichtweite zur syrischen Stadt Kobane, die vielleicht vier Kilometer entfernt ist. Rauchschwaben hängen in der Luft und erinnern an die anhaltenden Kämpfe. Die Menschen aus Kobane sind Ende September angekommen, mit nichts, als der Sommerkleider an ihren Körpern. Jetzt naht der Winter und die Temperaturen sinken nachts bereits auf vier Grad. Die Menschen sind auf diese Kälte nicht vorbereitet.

Der Tag der Rückkehr ist ungewiss

Im Dorf traf ich mich mit einigen Frauen, die zusammen mit 26 anderen Menschen in einem ungenutzten Gebäude wohnen. In der Gruppe gibt es nur fünf Männer. Der Rest sind Frauen und Kinder. Wir reden mit einer älteren Frau namens Aisha. Sie trägt ein geblümtes Kopftuch und ausgeblichene Tätowierungen im Gesicht, typisch für kurdische Frauen ihrer Generation. Aisha erzählt, dass der Rohbau Kurden gehört, die in einer fern gelegenen Stadt wohnen. Die Schlüssel dieses leerstehenden Gebäudes hätten sie geschickt, um ihren Brüdern und Schwestern aus Kobane zu helfen. Die Hausbesitzer bezahlen sogar die Stromrechnungen, damit es ihren Gästen gut geht. Türkische Bürger begegnen ihren Nachbarn mit grenzüberschreitender Solidarität, auch wenn die Kapazitäten der Hilfe nahezu erschöpft sind.

Wie lange es her sei, seitdem sie die Grenze überquert habe, frage ich. „48 Tage“, lautet die Antwort – es sind exakt 48 Tage vergangen, seit die Kämpfe in Kobane ihr Leben auseinander rissen. Dass sie „48 Tage“ sagt, und nicht etwa „sieben Wochen“ oder „anderthalb Monate“ berührt mich. Sie klingt wie eine Gefangene, die Striche an die Wand malt und die Tage zählt, bis sie wieder in ihre Heimat zurückkehren kann. Aber keiner weiß, wann der Tag der Rückkehr kommen wird.

Die Belastbarkeit und Ausdauer dieser Flüchtlinge ist beeindruckend – sie können trotz allem lächeln. Sie versuchen den Anschein von Normalität zu bewahren, trotz ihrer unsicheren Zukunft. Aber sie haben schreckliche Dinge erlebt und stehen vor einschüchternden Herausforderungen. Ein älterer Mann berichtet davon, wie sein Sohn im Chaos vor ihrer Flucht getötet wurde. Und drei Frauen erzählen, dass sie ihren Säuglingen Babynahrung geben, anstatt sie zu stillen, weil Angst und Traumata zum Austrocknen der Muttermilch führen können. Ein Baby leidet durch eine Infektion der Atemwege an einem starken Husten, der einfach nicht besser wird. „Ich muss mir Geld leihen, um Milch für mein kleines Mädchen zu kaufen“, sagt uns ein Vater.

CARE leistet Winterhilfe

Die Menschen, die wir trafen, haben nur sehr wenig Hilfe erhalten, sicherlich nicht genug für ein gutes Leben. Sie wollen arbeiten, aber es gibt nur wenige Möglichkeiten und oft sind diese weit weg von ihrem Zufluchtsort. Manche können als Tagelöhner Baumwolle pflücken, aber selbst diese Möglichkeit wird es bald nicht mehr geben, weil die Saison zu Ende geht. Ihre dringlichsten Bedürfnisse sind, so sagen viele Familien, Nahrung, Decken, Matratzen und Winterkleidung – genau in dieser Reihenfolge.

CARE arbeitet eng mit anderen Organisationen zusammen, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. CARE verteilt Decken, Matratzen, Nahrung und Hygiene-Sets, während etwa eine Großausgabe an Winterkleidung und Stiefeln geplant wird. Durch die Unterstützung, die wir bislang bekommen haben, können wir unsere Arbeit für die Flüchtlinge aus Kobane bis Anfang 2015 fortführen. Die Krise wird wahrscheinlich aber länger dauern. Wir werden weitere Hilfe brauchen, um Frauen wie Aisha dabei zu unterstützen, ihr Leben und ihre Existenz über die kommenden Jahre wieder aufzubauen.

Im türkischen CARE-Team gibt es Mitarbeiter aus vielen unterschiedlichen Nationen. Sie alle zeigen ein hohes Maß an Hingabe, Engagement und Ausdauer. Hartnäckig drängen sie darauf, die notwendige Hilfe so schnell wie möglich zu leisten. Sie hören herzzerreißende Geschichten von Verlust und Leid. Die langen Arbeitszeiten, zusammen mit dieser schweren emotionalen Bürde, machen ihre Arbeit äußerst anstrengend. Ein Teammitglied sagte: „Manchmal muss ich während der Arbeit 15 Minuten Pause nehmen, einfach nur, damit sich mein Herz erholen kann.“

Für ein Leben in Würde – Bitte unterstützen Sie die Arbeit von CARE mit Ihrer Online-Spende!

Einsatzorte

2 Gedanken zu “Türkei: „Damit sich mein Herz erholen kann“

  1. ich erinnere mich: als ich 3 Jahre alt war, Frühjahr 1945, flogen die Tiefflieger über unser einsam stehendes Haus, wir hockten in der Waschküche hinter der Badewanne, mein Kinderbett im ersten Stock zeigte später Durchschusslöcher – die Erinnerung prägte meine Haltung zum Thema Krieg, wenige Wochen später verteilten freundliche amerikanische Soldaten Kaugummi und Kekse an die Kinder, das prägte meine Haltung zu USA, als ich 4 oder 5 Jahre alt war, fuhren meine Mutter, meine 3 Jahre ältere Schwester und ich kurz vor Weihnachten mit einem Kinderschlitten 7 Kilometer in die nächste Stadt, Siegen, holten dort zwei Care-Pakete ab, die wir dann auf dem Schlitten bergauf die gleiche Strecke nach hause zogen – Weihnachten lagen dann kleine Tafeln Schokolade auf dem Tisch, die erste in meinem Leben, der Duft bleibt unverändert in meiner Erinnerung. Obwohl wir von Hause aus keine arme Familie waren, haben wir mehrere Jahre gehungert, gehamstert, als Städter mit Mühe einem steinigen Boden karges Gemüse abgerungen, Lumpen und Zeitungspapier statt Strümpfen an den Füßen sorgten im Winter für Frostbeulen – wir waren Wirtschaftsflüchtlinge, weil wir in der Stadt keine Lebensmöglichkeit mehr hatten, wir waren unerwünschte Immigranten, weil uns die fremde Landbevölkerung als Eindringlinge und Diebe empfand, die den Bauern die Ernte vom Feld stahlen, nur willkommen, wenn sie überzählige Lebensmittel gegen Kaffee oder Zigaretten – die wir auch in Care-Paketen erhielten – tauschen konnten…

    • Lieber Wolfgang,
      es ist interessant und auch beeindruckend, wie eindringlich Sie von Ihren Erinnerungen und Erfahrungen aus dieser Zeit berichten. Sind wir auf der einen Seite motiviert von den positiven Impulsen die unsere Arbeit setzt, so macht es uns doch umso trauriger, dass noch heute so viele Menschen ähnliche Erfahrungen mit Krieg und Leid machen müssen, wie einst Sie und ihre Familie.
      Wir finden es aber toll, dass Sie zu uns gefunden haben und vielleicht möchten nun auch Sie symbolisch ein CARE-Paket für Menschen in Not packen und damit einer anderen Familie dringend benötigte Hilfe zukommen lassen. Daher der freundliche Verweis auf unsere Jubiläumsaktion „70 Jahre Care Paket“ – https://www.care.de/care70/. Gemeinsam erreichen wir mehr!
      Mit freundlichen Grüßen
      Ihr Team von CARE

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