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Verkauft von der Großmutter

Von Sandra Bulling

Am zweiten Tag unserer Reise durch den Balkan treffe ich die 63jährige Mara Radovanovic.

Mara Radovanovic setzt sich für Frauen und Mädchen ein (Foto: CARE/Bulling)

Mara ist eine mutige Frau: Seit zwölf Jahren kämpft sie in Bosnien gegen den Handel von Mädchen, auf neudeutsch auch „Trafficking“ genannt. Die Mädchen, denen sie mit ihrer Organisation Lara, einem Partner von CARE, hilft, sind zur Prostitution gezwungen worden, oft unter den brutalsten und unmenschlichsten Bedingungen.

Menschenhandel: Bis heute erschreckende Realität
Ende der 1990er Jahre wurden hauptsächlich Mädchen aus Ländern wie Moldawien, Ukraine, Rumänien oder Russland nach Bosnien geschleust, um in Bordellen und Nachtclubs für die Soldaten der internationalen Schutztruppen bereitzustehen. Heute findet der Mädchenhandel in Bosnien hauptsächlich intern statt, das heißt die Mädchen kommen nicht mehr aus dem Ausland, sondern werden aus bosnischen Dörfern gelockt und zur Prostitution gezwungen.

Mara erklärt mir, wie das abläuft: „Vor allem junge Mädchen, die aus armen Familien kommen, werden meist mit teuren Geschenken beeindruckt. Ein Mann schenkt also einem Mädchen ein Handy oder Kosmetik, etwas, was sie sich sonst nie leisten könnte. Wenn sie diese Geschenke annimmt, erpresst er sie dann und droht ihr, den Eltern zu erzählen, dass sie eine Hure sei und für diese Geschenke mit ihm geschlafen habe. Für die jungen Frauen eine Schmach.“ So haben die Frauenhändler die Mädchen in der Hand und zwingen sie zur Prostitution.

Kreislauf der Scham, Angst und Gewalt
Sind sie einmal in diesen Kreislauf des Zwanges hineingeraten, kommen sie schwer wieder hinaus. Mara erzählt weiter: „Mädchen, die sich von Geschenken nicht beeindrucken lassen, werden oft unter Drogen gesetzt. Das läuft so ab: Die Frauenhändler mischen Drogen in ein Getränk, so dass die Mädchen betäubt werden. Dann werden sie in einem Zimmer vergewaltigt und diese Vergewaltigung wird gefilmt. Damit erpressen sie die Mädchen und drohen, dieses Video den Eltern oder Lehrern zu zeigen. So haben sie die jungen Frauen in der Hand.“

Es sind bestürzende und traurige Geschichten, von denen Mara berichtet. Die resolute ehemalige Anwältin raucht eine Zigarette nach der nächsten, und bleibt ruhig und sachlich, wenn sie erzählt. Vor zwölf Jahren gründete sie zusammen mit einer Freundin die Organisation Lara und hat unter anderem ein Frauenhaus eröffnet.

Swetas unvorstellbare Geschichte
In ihrem Büro stellt mir Mara ein junges Mädchen vor. Ich nenne sie Sweta, ihr richtiger Name ist in dieser Geschichte nicht wichtig. Zusammen mit CARE-Kolleginnen aus Sarajewo sitzen wir an einem langen Tisch, Sweta mittendrin, schüchtern, aber sie lächelt, wenn ich sie ansehe. Stockend fängt sie an zu erzählen, bricht immer wieder ab. Mit viel Beherrschung wischt sie sich die Tränen aus den Augen, streicht ihre langen Haare nach hinten, atmet tief ein und holt erneut aus. „Als ich 14 Jahre alt war, lebte ich bei meiner Großmutter. Meine Mutter war krank und konnte sich nicht um mich kümmern. Meine Großmutter sperrte mich immer wieder in einen Raum. Mit Männern. Ich konnte nichts tun. Meine Großmutter hat allen Verwandten erzählt, was für ein schlechtes Mädchen ich sei. Die ganze Familie hat mich verstoßen. Dann hat mich meine Großmutter an meine Lehrer verkauft.“ Sie bricht ab und weint kurz. Im Raum ist es still, Entsetzen liegt in der Luft. Meine Kolleginnen sind genauso wie ich den Tränen nahe. Als ich Sweta frage, wie es ihr jetzt geht und was sie sich für ihre Zukunft wünscht, lächelt sie wieder kurz: „Im Frauenhaus von Lara fühle ich mich zum ersten Mal sicher. Meine Betreuerinnen kümmern sich um mich, sie sind mein ganzer Schutz.“

Schule, Schutz – und hoffentlich eine selbstbestimmte Zukunft für Sweta

Ich bin beeindruckt von Swetas Mut. Mara erzählt mir, wie klug Sweta ist. Seit sie im Frauenhaus ist, habe sie Englisch gelernt, studiere für die Schule und schreibe gerade Prüfungen, die sie außerhalb des regulären Unterrichts ablegt. „Ich möchte gerne Polizistin werden. Oder mit Kindern arbeiten“, sagt Sweta. Dann steht sie auf, es ist Zeit, wieder ins Frauenhaus zurückzukehren. Dort wird sie rund um die Uhr betreut. Mara hofft, dass sie ein Stipendium für Sweta findet, so dass sie ein neues Leben beginnen kann. „Mit ihrem Mut und der Würde, die sie behalten kann, wird sie es schaffen“, ist Mara überzeugt.

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