Vertrieben im Irak: Die Sehnsucht nach Heimat

Lena Siedentopp ist CARE-Projektreferentin für den Irak. Kürzlich besuchte sie ein Camp für Vertriebene in Dohuk und eine medizinische Einrichtung nordwestlich von Mossul. Hier zieht sie Bilanz, sieht Erfolge und schaut trotzdem sorgenvoll in die Zukunft:

Lena Siedentopp besucht das Chamishku Camp.

Lena Siedentopp im Chamishku Camp.

Es ist Dienstagmittag, als ich nach einer dreitägigen Anreise über Bagdad und Erbil das CARE-Büro in Dohuk erreiche. Andauernder Regen erschwerte die Fahrt nach Dohuk, denn der Fluss „Großer Zab“ ist seit einigen Wochen über die Ufer getreten und überflutet immer wieder Hauptverkehrswege. Dort, wo einst eine blühende Kulturlandschaft das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris prägte, sind heute rund 8,7 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen, darunter Binnenvertriebene in Camps, Gastgemeinden und Rückkehrgebieten.

Es gibt noch viel zu tun

Gemeinsam mit Payman Mahmood besuche ich Chamiskhu, ein Camp für Binnenvertriebene in der Nähe von Dohuk. Payman ist Ingenieurin. Seit zwei Jahren unterstützt sie die Wasser- und Sanitärprogramme von CARE: „In 2014 nahm die Regierung an, dass die Menschen hier für sechs Monate Schutz suchen. Heute leben knapp 30.000 Binnenvertriebene in Chamiskhu. Die Wasserinfrastruktur ist funktionstüchtig, jedoch nicht für eine langfristige Versorgung ausgelegt.“

Zusammen mit Partnerorganisationen installierte CARE vor vier Jahren Wassersysteme in Chamiskhu, darunter Pumpstationen für die Frischwasserzufuhr, Rohrsysteme für die Wasserverteilung an einzelne Haushalte, sowie Abwassertanks, die an das lokale Abwassersystem angeschlossen sind. Payman führt mich zu einer offenen Wasserstelle in der Unterkunft einer Familie. Wir sprechen mit Mohamad, der seit zwei Jahren als Klempner für unser Projekt arbeitet und selbst Campbewohner ist: „Es gibt viel zu tun und ich freue mich über jeden Auftrag.“ Heute repariert er eine defekte Wasserleitung. Er besitzt technisches Verständnis, einen kleinen Vorrat an Ersatzteilen und ein Prüfmessgerät, damit kann er Fehler – zumindest temporär – beheben. Früher konnte er mit seinem Einkommen seine Familie in Sinjar alleine ernähren, seitdem er mit seiner Familie auf der Flucht ist, sind sie auf Hilfe von außen angewiesen: „Ich bin froh, dass wir einen sicheren Ort gefunden haben, doch die Sehnsucht nach meiner Heimat ist groß.“

Erfolge feiern trotz großer Herausforderungen

Im Irak stehen Hilfsorganisationen wie CARE täglich vor neuen Herausforderungen: Konflikte verlagern sich, stabilere Phasen wechseln sich mit erneuten Eskalationen von Gewalt ab. Gleichzeitig wird die Region auch immer wieder mit extremen Naturereignissen konfrontiert, wie etwa Starkregen oder dem Erdbeben von 2017.

Gesundheitseinrichtung Qaserserij mit Dr. Karwan Saifadin.

Die öffentliche und wiederaufgebaute Gesundheitseinrichtung Qaserserij.

In Zummar, einer Provinzstadt im Ninewa Gouvernement, unweit der syrischen Grenze, verschaffe ich mir ein Bild von der vollständig wiederaufgebauten öffentlichen Gesundheitseinrichtung Qaserserij. Dr. Karwan Saifadin ist Arzt und für CARE-Gesundheitsprojekte in der Region zuständig. Im Zuge der konfliktreichen Auseinandersetzungen in der Region sind Gesundheits- und Versorgungseinrichtungen teils komplett zerstört worden. Er erzählt mir von den Fortschritten der letzten zwei Jahre: „Insgesamt konnten durch unser Projekt vier öffentliche Gesundheitszentren wiederaufgebaut werden. Wir bilden Hebammen aus, die Schwangere bei der Geburtsvorbereitung und Mütter bei der Nachsorge begleiten. Gleichzeitig bieten wir Workshops zu Hygiene, Ernährung und Familienplanung an.“ Bisher erreichte CARE rund 20.000 Menschen in der Region.

Vor Ort treffe ich auch Ibrahim, den Leiter des Labors. Er nimmt der neunjährigen Vian* Blut für einen allgemeinen Gesundheitscheck ab. Sie ist tapfer und erzählt mir, dass sie in die dritte Klasse geht. Seit dem Wiederaufbau der Einrichtung lassen sich rund 70 Menschen pro Tag untersuchen – das sind mehr als doppelt so viele wie zuvor. Dreimal wöchentlich finden Sprechstunden statt und technische Analysegeräte ermöglichen auch kleinere medizinische Eingriffe. Dr. Karwan ist stolz auf die Entwicklungen, sieht jedoch gleichzeitig auch den großen Bedarf, der hier und in anderen Gebieten des Zentraliraks herrscht: „Die Wiederherstellung der medizinischen Infrastruktur wird weitere fünf Jahre dauern. Mehr als 1,7 Mio. Menschen sind derzeit auf medizinische Hilfe angewiesen. Ohne internationale Unterstützung ist dies nicht machbar!“

Laut den Vereinten Nationen sind bislang nur rund 7,8 Prozent der 2019 benötigten über 627 Millionen Hilfsgelder für den Irak finanziert. CARE wird in diesem Jahr weiterhin Menschen unterstützen, die dringend medizinische Behandlungen sowie humanitäre Hilfe benötigen, und erstmals auch im Gouvernement Anbar tätig sein. Dafür ist unser Team vor Ort dringend auf Spenden angewiesen.

*Name verändert

So sieht die CARE-Hilfe im Irak aus!

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Einsatzorte

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