Vertriebene im Nordirak: Aisha schaukelt wieder

Im August 2014 flohen zehntausende Menschen aus ihrer Heimat Sindschar in den Nordirak. Ein Jahr später harren sie weiterhin in der Fremde aus. Jacqueline Dürre ist CARE-Projektreferentin für Kurdistan-Irak. Die Berlinerin schreibt in unserem Blog über Begegnungen mit Menschen, die alles hinter sich lassen und fliehen mussten.

Jacqueline Dürre ist CARE-Projektreferentin für Kurdistan-Irak. In ihrem Blog berichtet sie über die Not der Vertriebenen. (Foto: CARE)

Jacqueline Dürre ist CARE-Projektreferentin für Kurdistan-Irak. In unserem Blog berichtet sie über die Not der Vertriebenen. (Foto: CARE)

Bevor ich in den Flieger nach Erbil im Nordirak stieg, brachte ich noch meinen Müll raus. Kompost, Plastik, Papier – ein normales Ritual. Wenige Tage später stehe ich im Camp Bersive, wo sich bei meinem letzten Besuch noch der Müll türmte. Das Camp wurde im November 2014 für etwa 2.500 Familien errichtet, die vor Gewalt und Überfällen in ihren Dörfern im Sindschar-Gebirge, Mosul und anderen Orten geflohen sind. Es musste schnell gehen, denn die Menschen benötigten dringend ein sicheres Dach über dem Kopf. Seitdem hat sich viel verändert – Heute gibt es eine Art Müllabfuhr, ähnlich wie bei mir Zuhause. CARE stellt Familien Abfallbeutel zur Verfügung und organisiert zusammen mit Freiwilligen, die selbst in dem Camp leben, die Entsorgung. Die Mütter, mit denen ich bei meinem Besuch sprach, zeigten sich weniger besorgt über die Hygienesituation als noch vor ein paar Monaten. Auch den Feuerschutz gewährleistet CARE. Andere Organisationen haben eine kleine Schule, einen Kindergarten und eine Gesundheitsstation errichtet. Während mich die Verbesserung der Infrastruktur und der Lebensbedingungen im Camp sehr positiv stimmen, macht mich ihre Notwendigkeit umso trauriger. Denn die Befürchtung, dass die Menschen im Camp wahrscheinlich noch lange hier ausharren müssen, ist Gewissheit geworden. Ihre Hoffnung auf Rückkehr ist leiser geworden, und ein Ende der Krise scheint nicht in Sicht. Dabei hatte Bersive I doch nur ein vorübergehendes Zuhause, eine Zwischenstation, sein sollen!

Trotz aller Trauer um Familienmitglieder, Sorge um Daheimgebliebene und dem Wunsch, wieder zur Normalität zurückzukehren, geben die Familien hier nicht auf. Sie versuchen, sich zu arrangieren mit ihrem temporären Zuhause: Sie haben kleine Marktstände errichtet und einige Familien versuchen, mit dem Verkauf von Obst und Gemüse ein wenig Geld zu verdienen. Ein Friseur hat sich provisorisch in einem Zelt eingerichtet und geht seinem Beruf wieder nach. Einige Frauen haben aus Materialien wie Lehm, Steinen, Holz und Pappe die traditionellen Tandoor-Öfen gebaut, so dass sie Brot backen können.

Jeder versucht, trotz aller Widrigkeiten seine eigene und die Lebenswelt der Mitmenschen ein wenig zu verbessern. So auch Fatima. Während ich durch das Lager laufe, werde ich auf ihre Tochter Aisha aufmerksam, die wie so viele andere Kinder auf der Welt vergnügt lacht, während sie schaukelt. Der Unterschied ist, dass Aisha auf einer selbstgebauten Schaukel sitzt, die zwischen zwei eng aneinander stehenden Zelten angebracht ist. Ihre Mutter schaut ihr stolz zu – die Familie hat die Schaukel selbst gebaut. Fatima ist im Sommer 2014 mit ihren vier Kindern, ihrem Mann und ihrer Mutter vor den Kämpfen in Mosul geflohen. Im Lager fühlen sie sich einigermaßen sicher und trotzdem ist das Leben mühsam.

Die Familie lebt beengt in dem Zelt und die nahende Sommerhitze macht ihnen große Sorgen. Wie sollen sie es bei Temperaturen bis zu 50 Grad in den Plastikzelten aushalten? Wie die wenigen Lebensmittel frisch halten? Fatima muss weit zu den Toiletten laufen. Sie traut sich nicht, alleine zu gehen oder ihre Kinder dorthin laufen zu lassen. Mir gehen die Berichte von sexualisierter Gewalt an Frauen und Mädchen durch den Kopf. Wie schwer muss es sein für Überlebende dieser Gräueltaten, in diesem Camp voll von Menschen, in Zelten mit fehlender Privatsphäre zu leben und nachts bis zu 200 Meter zur nächsten Toilette laufen zu müssen?

CARE arbeitet daran, die Situation zu verbessern, mit Geldern der deutschen, kanadischen und niederländischen Regierung, von Aktion Deutschland Hilft und dank privater Spenden. Unser Team hier baut zusätzliche Latrinen und Duschen, repariert bestehende Wascheinrichtungen, verteilt Hygieneartikel, Wasserkanister und Kühlbehälter für die heißen Sommermonate an die Vertriebenen. Es hat sich viel verändert, auch zum Positiven, wie die Müllabfuhr zeigt. CARE und andere Organisationen geben dennoch nicht auf, sondern helfen weiterhin unter Hochdruck. Aufgeben ist ohnehin keine Option – das tun Menschen wie Fatima schließlich auch nicht.

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