Türkei: Verzweiflung liegt in der Luft

Mehr als 130.000 syrische Flüchtlinge sind in den letzten Tagen aus dem nordsyrischen Kobane in die Türkei geflohen. CARE-Länderdirektor John Uniack Davis berichtet über seine Eindrücke von der türkisch-syrischen Grenze.

Tausende Syrer fliehen in die Türkei (Foto: CARE/Chloe Day)

Tausende Syrer fliehen in die Türkei (Foto: CARE/Chloe Day)

Als meine Kollegen und ich vor ein paar Tagen davon hörten, dass viele Menschen von der kurdischen Enklave Kobane in Syrien in die Türkei flohen, machten wir uns sofort auf den Weg. Wir erreichten die türkisch-syrische Grenze am Samstag, um uns die humanitäre Situation der Menschen vor Ort anzuschauen. Die türkische Regierung und verschiedene Medien berichten, dass es sich um eine große humanitäre Krise handelt, mit mittlerweile mehr als 130.000 Flüchtlingen. Wir fuhren auf einem zehn Kilometer langen Streifen entlang der Grenze und sahen hunderte Flüchtlinge, viele von ihnen waren wahrscheinlich auf der Suche nach einer sicheren Unterkunft. Wir sahen dutzende Busse, vollgepackt mit Menschen. Die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder.

Vom offiziellen Grenzübergang durchquerten wir die Stadt Kobane bei Murşitpinar und fuhren dann ein paar Kilometer weiter nach Osten zum Dorf Kuçukenderci. Hier wurde die erste informelle Grenze geöffnet, um syrischen Flüchtlingen die Überquerung zu ermöglichen. Wir fuhren eine staubige, einsame Straße entlang und kamen plötzlich an fünf großen, tiefblauen, runden Zelten vorbei, in denen die türkische Katastrophenschutzbehörde ADAD die Flüchtlinge registrierte und sie medizinisch versorgte. In der Ferne sahen wir eine große, schwarze Rauchwolke: dort fanden die Kämpfe statt. Auf der anderen Seite des Zaunes sahen wir eine Herde Kühe. Nur Menschen durften die Grenze überqueren, Tiere und Fahrzeuge mussten sie zurücklassen. Hier in Kuçukenderci schienen die Menschen sehr ruhig zu sein. Viele Menschen in dieser Gegend sind Kurden und haben Familie auf beiden Seiten der Grenze, also sahen wir viele ungeduldig wartende Menschen.

Wir gingen zurück zu unserem Auto und fuhren weiter in Richtung Osten, bis zum inoffiziellen Grenzübergang bei Metismail. Der Rauch in der Luft erinnerte uns an die Nähe des Konfliktes, der so vielen Menschen das Leben kostet. Die Menschen hier waren verzweifelt. Eine Szene wird immer in meinem Kopf bleiben: eine kleine, aber schwere ältere Frau mit einem Kopftuch schleppte sich mit langsamen und ungleichmäßigen Schritten der sicheren Türkei entgegen. Jeder Schritt schien ihr fürchterliche Schmerzen zu bereiten. Sie stützte sich auf einen jungen Mann. Wir sahen Frauen, Kinder und Männer alles tragen, was sie konnten. Manchmal trugen Kinder Koffer, die fast so groß waren wie sie selbst. Überall war Staub. Die Verzweiflung lag spürbar in der Luft. Einige dieser Menschen haben die vorherigen Nächte auf dem offenen Feld geschlafen, bevor sie die Grenze überqueren konnten. Die Menschen standen unter Schock, weil sie so plötzlich aus Kobane fliehen mussten. Die Enklave, in der viele Kurden leben, war während des syrischen Krieges meistens friedlich, sodass Menschen aus anderen Teilen Syriens dort Schutz suchten. Für manche ist es das zweite oder dritte Mal in den letzten drei Jahren, dass sie fliehen mussten.

Einige der syrischen Flüchtlinge haben Familienmitglieder, die schon in der Türkei sind. Wir trafen einen Türken, der auf Neuankömmlinge wartete. Er erzählte uns, dass 50 Syrer, die meisten Familienangehörige, in seinem Haus in einer nahegelegenen Stadt schlafen. Viele der Flüchtlinge wissen jedoch überhaupt nicht, wohin sie sollen. Mein Kollege und unser Dolmetscher Halima sprachen mit ein paar Frauen und Kindern, die für viele Stunden im Staub an der Grenze sitzen mussten, weil „sie nicht wussten, wohin sie sollten.“ Die mehr als 130.000 Flüchtlinge, die in den letzten Tagen von Kobane in die Türkei kamen, stoßen zu rund 850.000 registrierten Flüchtlingen, die sich bereits in der Türkei befinden. Schätzungen zufolge hat die Zahl der Flüchtlinge in der Türkei schon mehr als eine Million erreicht. Die türkische Regierung hat die Herkulesaufgabe, diese Flüchtlinge zu versorgen, aber es wird mehr Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft gebraucht, um die steigende Not der Flüchtlinge zu bewältigen. Vor allem städtische Flüchtlinge, die von der Gemeinschaft aufgenommen wurden und nicht in Camps leben, brauchen Hilfe. CARE prüft die Bedürfnisse der Menschen und koordiniert die Hilfe mit der türkischen Regierung und anderen Organisationen, um sicher zu stellen, dass die Grundbedürfnisse der Menschen versorgt werden. Die notwendigste Hilfe wird sicher Hygienemaßnahmen und der Zugang zu Nahrung und Trinkwasser sein. Wenn der kalte Winter kommt, wird CARE auch Matratzen, Decken, Heizungen und andere Hilfsgüter zur Verfügung stellen.

Als ich die Grenze nahe Kobane verließ, dachte ich über den erschütternden menschlichen Einfluss nach, aber auch über die Großzügigkeit der Türken, die schätzungsweise bereits mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen haben. Die internationale Gemeinschaft muss sich der Lage gewachsen zeigen und die Türkei speziell in der Kobanekrise und generell in der Syrienkrise stärker unterstützen.

Syrische Flüchtlinge brauchen dringend unsere Hilfe. Unterstützen Sie die Arbeit von CARE!

 

Einsatzorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.