Von Straßenlärm, Hoffnungsträgern und Omas Waffelteig

Angespannte Stille. Zehn interessiert-dreinblickende Jungen und Mädchen schauen gebannt auf einen Laptop, auf dem verschiedenste Fotos aufpoppen. Ihnen gegenüber, mit dem Gerät auf dem Schoß, sitzt er, Raeid Meri. Gekonnt gestikulierend, appellierende Worte an sie richtend und engagiert am Erzählen. Raeid ist gebürtiger Bonner mit palästinensischen Wuzeln. Seine Eltern flohen damals aus dem Westjordanland nach Deutschland. Eigentlich ist er gelernter Informatiker und Groß- und Außenhandelskaufmann, der neben Sport und Reisen auch für die Pädagogik brennt. Er arbeitet mittlerweile als Interkultureller Coach und schildert im folgenden Beitrag detailliert und eindrücklich seine persönlichen Erlebnisse und Eindrücke von seinem Aufenthalt in Jordanien. Dort besuchte der ehrenamtlich engagierte KIWI-Schulcoach, der in Deutschland seine Arbeit Schülerinnen und Schülern mit Fluchtgeschichte widmet, die arabische Halbinsel und das CARE Projekt im Flüchtlingscamp in Azraq:

Raeid Meri gibt einen Workshop.

Raeid Meri schafft mit seinen Workshops einen Raum, in dem geflüchtete Kinder sich öffnen und austauschen können. (Foto: Raeid Meri/2017)

„Um die Mentalität der jordanischen Bevölkerung zu verstehen, reicht ein Schritt auf die Straße. Der Alltagstrubel wirkt hier wie ein Spiegel der Gesellschaft. Laut, chaotisch und geladen kämpft sich jeder Einzelne durch die unübersichtlichen Straßen. Blinken? Wozu? Ein Handzeichen aus dem Fenster und lautstarkes Hupen ist hier die Devise! Doch immer wieder erliegt der Verkehr und es wird ungewohnt leise. Die Hektik des Alltags verwandelt sich in totale Ruhe. Nun erschallen nur noch die Gebetsrufe der Imame aus den Lautsprechern der vielen Minarette und läuten – fünf Mal am Tag – die Zeit der Bewusstheit und des Gebets ein. Plötzlich kein Straßenlärm, keine laufenden Radios in den zahlreichen Taxis. Selbst im Fitnessstudio werden die Hanteln beiseitegelegt. Die Zeit steht für einen Moment still und es wird einem nach all dem Stress just bewusst, wo man sich befindet. Es wirkt unübersichtlich und chaotisch, aber paradoxerweise gleichzeitig so entschleunigt.

Dieses extreme Spannungsverhältnis macht Jordaniens Charakter aus und passt zu seiner Landesgeschichte sowie der politischen Situation vor Ort. Das Land, welches 1946 durch das Erlöschen des britischen Mandats seine volle Unabhängigkeit erhielt, liegt geographisch umgeben von aktuellen Krisenherden. Zahlreiche Menschen aus dem Westjordanland oder Syrien fliehen über die Nachbargrenze nach Jordanien. Trotz seiner wirtschaftlichen und politischen Probleme gilt das Land als recht stabil und wirkt wie ein Magnet der Hoffnung für Geflüchtete. Die lokale Bevölkerung ist grundsätzlich aufgeschlossen und offen für Gäste. Diese Offenheit durfte ich im Laufe der Unternehmung erfahren.

Kinder spielen in Azraq mit einem Drachen.

Syrische Kinder spielen im Flüchtlingscamp Azraq mit einem Drachen. (Foto: Lucy Beck/CARE)

Ziel meiner Reise sollte Amman sein, die Hauptstadt des Landes, wo ich meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Projekt von CARE Jordanien mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen nachgehen durfte. Voller Vorfreude aber auch Anspannung machte ich mich auf den Weg. Mehrere Fragen schossen mir durch den Kopf. Was mich wohl vor Ort erwarten sollte? Wie werden die Kinder reagieren? Ich wusste, dass viele der Kinder und Jugendlichen –mit denen ich im Laufe der nächsten Zeit arbeiten durfte- Teile ihrer Familie verloren hatten und hoffnungslos waren, vermeintlich ohne Chance auf Schule oder Studium. Die daraus resultierende Resignation unter den Geflüchteten ist fatal. Sie verlieren jegliches Vertrauen in die Politik, in das Land, ja gar in sich selbst.

Beladung eines LKWs mit Hilfsgütern in Amman.

In Amman (Jordanien) werden LKWs mit Hilfsgütern für syrische Geflüchtete beladen. (Foto: Stefan Brand/CARE)

Die geplanten Workshops waren klar definiert und strukturiert. Mein Ziel war es, einen Raum zu schaffen, in dem sich die Kinder sicher fühlen, offen sprechen und austauschen können. Der Spaß sollte natürlich nicht fehlen. Die Vormittagseinheit war den jüngeren Kindern gewidmet, die Nachmittagseinheit den älteren Jugendlichen. Glücklicherweise gab es aufgrund meiner Sprachkenntnisse – meine Muttersprache ist Arabisch – keine Kommunikationsschwierigkeiten. Dieses Wissen erleichterte den Zugang enorm. In der Arbeit selber griff ich auf viele Methoden aus meiner erlebnispädagogischen Ausbildung sowie meiner Tätigkeit als Interkultureller Trainer und Coach zurück und gestaltete jeden Tag ein wenig anders, herausfordernder und kooperativer. Gerade die Erfahrungen im Rahmen der Tätigkeiten als KIWI-Coach ermöglichten den Rückgriff auf einen reichen Schatz an zahlreiche Methoden des Globalen Lernens.

Raeid Meri mit Kindern.

Raeid Meri vermittelt in seinen Workshops Werte, Respekt und Toleranz. (Foto: Raeid Meri/2017)

Mit steigender Anzahl der Workshoptage stieg erfreulicherweise auch kontinuierlich die Zahl der Teilnehmenden. Angefangen mit vier Teilnehmerinnen und Teilnehmer am ersten Tag – welche auch eher von den leckeren Getränken und Keksen angelockt wurden – waren es am Ende ganze 45 Kinder und Jugendliche, welche ich für verschiedene Einheiten zu den Themen Kultur, Werte, Toleranz oder Respekt begeistern konnte.

Kinder machen Waffelteig.

Zum Abschied der Arbeit vor Ort wurden Omas Waffeleisen und das Teig-Geheimrezept ausgepackt.(Foto: Raeid Meri/2017)

Zurückblickend lässt sich sagen: Die anfänglichen Sorgen bestätigten sich nicht. Ganz im Gegenteil. Es war eine sehr proaktive Atmosphäre und die Tage verliefen daher rasend schnell. Die Zeit in Jordanien war unfassbar prägend. Angefangen bei der Kultur, im Alltagsleben, beim Essen aber besonders bei der Arbeit mit den Kindern. Mein Eindruck war, dass die Kinder mit Fluchtgeschichte hier viel fröhlicher, ausgeglichener und begeisterungsfähiger sind, als ich es aus meiner Arbeit in Deutschland kenne. Ich hoffe, etwas bewirkt, eine neue Perspektive eröffnet oder einfach nur den Blick auf etwas entscheidend Positives gelenkt zu haben: Zu wissen, dass es Menschen gibt, denen sie wichtig und nicht egal sind. Dass es Hoffnung für sie gibt.“

Mit Ihrer Spende geben Sie Hoffnung. Unterstützen Sie geflüchtete Kinder und Jugendliche in Jordanien!

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Ein Gedanke zu “Von Straßenlärm, Hoffnungsträgern und Omas Waffelteig

  1. Ich bin scho 20 Mal in Jordanien gewesen und habe eben diese offenheit erlebt. Mit zunehmendem Massentourismus wird es aber immer schwiriger. Hoffen wir auf vernunft und fördern den sanften Tourismus in Jordanien

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