Was die Welt im Innersten zusammenhält

Zyad und seine Frau Njood flohen mit ihren Kindern aus Syrien. Sie leben in einem provisorischen Zelt am Stadtrand von Amman. "Auch wenn wir lachen, unsere Herzen sind von Traurigkeit erfüllt. Wir vermissen unser Zuhause." (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Zyad und seine Frau Njood flohen mit ihren Kindern aus Syrien. Sie leben in einem provisorischen Zelt am Stadtrand von Amman. „Auch wenn wir lächeln, unsere Herzen sind von Traurigkeit erfüllt. Wir vermissen unser Zuhause.“ (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Als ich Zyad das erste Mal traf, registrierte er sich gerade im Flüchtlingszentrum von CARE in Amman. Er fragte mich, ob er mir seine Geschichte erzählen dürfe. Er wolle, dass die Welt sie hört. Er erzählte mir, dass er zu Hause in Syrien einen kleinen Bauernhof mit 20 Schafen, Olivenbäumen und Hühnern hatte. Als der Krieg begann, baute er sich und seiner Familie einen kleinen Bunker unter dem Haus, in dem sie bei Luftangriffen Schutz suchten.  Über ein Jahr lang lebten sie so. Dann wurde sein Haus zerstört, die Hälfte seiner Schafe erschossen, die Hühner getötet. Die Schafe, die überlebten und wegrannten, sammelte er im nächsten Dorf wieder auf, verkaufte sie und kaufte von dem Geld ein Busticket für sich und seine Familie. Ein Busticket, das sie aus Syrien heraus, in Sicherheit bringen sollte.

„Ich habe 22 Jahre jeden Tag gearbeitet, um mein Haus aufzubauen, meine Kinder zur Schule zu schicken und meine Frau glücklich zu machen. Jetzt ist das hier alles was ich habe.“  Er zeigt auf seine Kleidung und seine kaputten Stoffsandalen und beginnt zu weinen. Vielleicht ist es falsch, das zu schreiben, vielleicht erfüllt es Geschlechterrollen und Stereotype. Aber Zyad, diesen gestandenen Mann mit seinem stolzen Gesicht, seinen vielen kleinen Lachfalten, die an andere, bessere Zeiten erinnern, seinen offenen, klaren Augen weinen zu sehen fühlt sich an, als stünde die Welt Kopf. Als würden Zyads Tränen, seine vom Schluchzen zuckenden Schultern diese Flüchtlingskrise mit einem Gefühl zusammenfassen: Dass Menschen so etwas nicht erleiden dürfen.

„Wir haben alles verloren, aber wir müssen das Beste daraus machen“

Vor ein paar Tagen habe ich Zyad wiedergetroffen, diesmal bei ihm zu Hause. Er wohnt mit seiner Frau Njood, seinen Töchtern Fatima und Njood und seinem Sohn Mohamed in einem Zelt außerhalb der Hauptstadt Amman. Zyad und seine Frau passen gut zusammen. Auch sie möchte mir gleich etwas erzählen und ihre braunen Augen blitzen ungeduldig und fast schelmisch, während meine Kollegin Samah aus dem Arabischen übersetzt und sie auf meine Reaktion wartet. „Ich weiß, das ist komisch, dass ich das jetzt sage. Aber ich möchte gerne sagen, dass ich meinen Mann wirklich sehr liebe.“ Ich bin tatsächlich verwundert, damit hatte ich nicht gerechnet. „Ja, wir haben nichts mehr, wir haben alles verloren. Aber daran können wir jetzt nichts ändern. Es ist einfach so. Wir müssen das Beste daraus machen. Und das Beste, an dem ich mich jeden Tag erfreuen kann, sind mein Mann und meine Kinder.“ Zyad nickt und sagt schmunzelnd: „Eigentlich wollte ich eine zweite Frau heiraten. Aber ich habe es mir anders überlegt.“

Zyad und Njood sind seit zwanzig Jahren verheiratet. Dass sie einmal solche Zeiten gemeinsam durchmachen, auf engstem Raum Tag für Tag miteinander verbringen müssen, haben sie sich bei ihrer Hochzeit anders vorgestellt. Die beiden 17- und 18-jährigen Töchter arbeiten auf einem Markt in der Nähe, um etwas Geld für die Familie zu verdienen. Der 13-jährige Mohamed geht in die Schule des kleinen Zeltdorfes: Njood und andere Flüchtlingsmütter haben einen ehemaligen syrischen Lehrer engagiert, der die Kinder unterrichtet. Geld, Mohamed in die nächstgelegene jordanische Schule zu schicken, haben sie nicht. Aber dass Mohamed nicht weiterlernen kann, das wollen sie auch nicht.

Mohamed, 13, geht in die Schule des kleinen Zeltdorfes. Seine beiden Schwestern müssen wie viele andere syrische Flüchtlingskinder arbeiten, damit ihre Familie überleben kann. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Mohamed, 13, geht in die Schule des kleinen Zeltdorfes. Seine beiden Schwestern müssen wie viele andere syrische Flüchtlingskinder arbeiten, damit ihre Familie überleben kann. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

„Das Leben geht weiter, entweder mit oder ohne uns“

Zyad und Njood erzählen, dass sie abends ihre syrischen Zeltnachbarn zu sich einladen, gemeinsam Teetrinken und sich unterhalten. Sie lachen viel zusammen und dann weinen sie zusammen. Sie „shoppen“ Erinnerungen, wie Njood es nennt. „Wir müssen weitermachen, denn das Leben geht weiter, entweder mit oder ohne uns.“ Es klingt vielleicht etwas kitschig und pathetisch, aber als ich auf dem Boden des Zeltes sitze, in dem außer Matratzen, einem Teppich und weißen Spitzendecken nichts steht oder liegt, und Zyad und Njood zuhöre, geht mir die Frage aus Goethes Faust durch den Kopf: „Was die Welt im Innersten zusammenhält.“

Ich denke, dass die syrische Flüchtlingskrise mindestens zwei Seiten hat. Einerseits das unermessliche Leid, das gestandene Männer wie Zyad zum Weinen bringt. Andererseits aber auch eine unerschütterliche Stärke und Kraft, die Menschen auf die Idee bringen, Erinnerungen zu „shoppen“, eigene Zeltschulen aufzubauen, für ihr Glück zu kämpfen und nicht aufzuhören, bis das Leben ihnen das gibt, was sie verdienen: Das alles wieder gut wird. Vielleicht hätte Faust die Antwort auf seine Frage gefunden, wenn er Zyad und Njood getroffen hätte.

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2 Gedanken zu “Was die Welt im Innersten zusammenhält

  1. Danke für diesen Bericht!
    Gestern habe ich in der ARD den Film über Syriens Kinder gesehen, der mich nicht mehr losläßt. Was sind das für Menschen, die eine Schule mit Brandbomben zerstören, die dann 13 – 18jährigen Jugendlichen treffen – für die es dort so gut wie keine Behandlungsmöglichkeiten gibt?!

    Warum nimmt das reiche Deutschland nicht wenigstens die verwaisten Kinder auf? Ich stelle gerne meine Arbeitskraft zur Verfügung! Es darf nicht sein, dass wir hier im wahrsten Sinn des Wortes nur zuschauen und auch noch dafür satt und gemütlich in der „1. Reihe“ sitzen. Es muss Sensibilität dafür geschaffen werden, dass es hier um eine ganze verlorene Generation geht. Auch Kinder und Jugendliche sollten damit konfrontiert werden und erfahren, dass es nicht das Wichtigste sein sollte, sich zu Weihnachten das allerneueste smartphone oder die nächste Spielekonsole zu wünschen!

    Für Projekte, die Syriens Kinder betreffen, bin ich jederzeit ansprechbar!

    Jutta Breun, Kinder- und Jugendbuchautorin

  2. Vielen Dank für diesen tollen Blogbeitrag! Er hat mich total gefesselt und berührt. Die Geschichte gibt den vielen Betroffenen Menschen des Syrienkonflikts ein Gesicht und eine Stimme. Es sind eben nicht nur anonyme Totenzahlen, sondern Einzelschicksale, wie die des syrischen Ehepaars aus dem Blog. Hoffentlich können solche Geschichten ein wenig mehr Solidarität für Flüchtlinge in der deutschen Bevölkerung erwirken!

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