Wenn das Leben Pause macht

CARE-Helfer Hadi, 23: "Wir mussten unsere Hoffnungen und Träume hinter uns lassen, als wir unsere Heimat verließen. Die Arbeit für CARE gibt uns wieder Hoffnung." (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

CARE-Helfer Hadi, 23: „Wir mussten unsere Hoffnungen und Träume hinter uns lassen, als wir unsere Heimat verließen. Die Arbeit für CARE gibt uns wieder Hoffnung.“ (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Hadi steht mit festem Stand vor etwa zwanzig Flüchtlingen in CAREs Betreuungszentrum in Zarqa, dem industriellen Zentrum Jordaniens, etwa eine halbe Stunde von der Hauptstadt Amman entfernt. Er leitet eine der täglich zwei Informationsstunden, klärt Flüchtlinge über ihre Rechte auf, informiert sie über verschiedene Hilfsangebote von CARE und anderen Organisationen. Er antwortet mit warmen Worten auf kalte Verzweiflung und Perspektivlosigkeit. Jeden Tag hört er Dutzende Geschichten der Flucht, Geschichten von Kindern, die gesehen haben, wie ihre Väter sterben und denen danach vor Trauer die Haare in Büscheln ausfallen, Geschichten von Müttern, deren Kinder von Kugeln getroffen wurden und seither nicht mehr alleine laufen können, Geschichten von Vätern, die sich aus lauter Verzweiflung, alles verloren und nicht mehr für ihre Familien sorgen zu können, das Leben nehmen möchten. An manchen Tagen, sagt Hadi, hört sein Kopf nicht mehr auf sich zu drehen. Es ist wie ein Wirbelsturm, der die Details der Geschichten mit sich reißt und aus seinen Windfängen nicht mehr rauslässt, wild und unkontrollierbar hinter seiner Stirn sein Unwesen treibt.

Der Kugel war egal, dass er sie heiraten wollte

„Ich kenne ihren Schmerz, ich weiß, an welcher Stelle ihrer Körper er sitzt, weiß, wie er sich anfühlt.“ Hadi ist – wie über 30 andere Freiwillige in CAREs Betreuungszentren – selbst vor einigen Monaten aus Syrien geflohen. „Ich bin genau wie sie“, sagt er. Hadis Schmerz sitzt nicht nur in seinem Bein, das angeschossen wurde, als er Verwundete ins Krankenhaus trug. Sein Schmerz hat auch einen Namen. Hala. Er zeigt mir auf seinem Handy ein Foto von einer hübschen jungen Frau mit langen, dicken Haaren, haselnussbraunen Augen und einem Lächeln, das ganz bestimmt dem Fotografen galt. Hala war Hadis Verlobte, seine große Liebe. Aber der Kugel, die sie am Kopf traf, war egal, dass er sie heiraten wollte, eine Familie mit ihr gründen und ein glückliches Leben führen wollte.

Während Hadi spricht, schüttelt er leicht den Kopf, als wenn er sich so von den Erinnerungen befreien könnte. „Ich vermisse es mit ihr zu sprechen, mit ihr zu lachen, ihr nahe zu sein. Ich fühle mich nur halb ohne sie.“ Ich frage Hadi, wie er das hinbekommt, wie er all diesen Schmerz und die Trauer in Stärke umwandelt, um jeden Tag seinen Landsleuten zu helfen. „Ich kann nicht zusehen, wie mein Volk leidet. Ich muss meinen Teil dazu beitragen, dass es wieder Hoffnung spüren kann. Weil ohne Hoffnung kann man nicht leben.“ Sie ist übermenschlich, die Kraft des 23-Jährigen, die er aus Liebe für seine Mitmenschen schöpft. Sie scheint sogar durch die Traurigkeit, die ihn umhüllt. Man kann sie sehen. Sie ist grau, etwa so breit wie eine Handfläche und legt sich über ihn wie ein Mantel aus Stahl.

„Mein vorheriges Leben macht jetzt Pause“

Für sich selbst, sagt Hadi, fühlt er keine Hoffnung mehr. In Syrien lag das Leben vor ihm, hatte große Pläne für ihn. Er hatte gerade sein Jura-Studium beendet, wollte seinen ersten Job antreten. „Mein vorheriges Leben macht jetzt Pause“, sagt Hadi. „Es macht mich wahnsinnig, dass ich meinen Kopf nicht mehr so nutzen kann wie früher.“ In Jordanien darf er nicht legal arbeiten, seinen Beruf kann er nicht ausführen. Flüchtling zu sein heißt nicht nur, nicht ausreichend zum Essen und zum Trinken, nicht genug Geld für Medikamente und Miete zu haben. Flüchtling zu sein bedeutet auch, dass Studenten nicht mehr studieren, Anwälte nicht mehr Paragraphen zitieren, Verkäufer das Brot nicht mehr über die Theke reichen und Lehrer nicht mehr mit Kreide an die Tafel schreiben.

Hadi konnte für sich selbst sorgen, wurde respektiert und hat das gemacht, was er gut kann, wofür er sich entschieden hatte. Jetzt ist er auf die Hilfe von anderen angewiesen. Das, was die Bomben und Kugeln ihm nicht nehmen konnten – sein Wissen, seinen Charakter und seine Wärme – schenkt er täglich Flüchtlingen in den CARE-Zentren. „Ich liebe Menschen und ich will, dass sie wissen, dass sie jemandem wichtig sind, dass sich jemand für sie interessiert und sich um sie kümmert. Manchmal macht schon ein Lächeln einen Unterschied.“

Hadi und Artif, selbst syrische Flüchtlinge, helfen im CARE-Zentrum Zarqa. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

Hadi und Artif, selbst syrische Flüchtlinge, helfen im CARE-Zentrum Zarqa. (Foto: CARE/Johanna Mitscherlich)

„Die Welt darf Syrien nicht vergessen“

Hadi fragt mich, ob ich glaube, dass die Welt Syrien vergessen hat. Ich antworte ihm, dass ich das nicht glaube. Dass ich denke, dass der Konflikt vielleicht nach so langer Zeit zur Normalität geworden ist, dass das Donnern der Panzer und laute Worte von Politikern das leise Weinen der Menschen vielleicht übertönen. „Die Welt darf Syrien nicht vergessen. Sie darf es einfach nicht“, wiederholt er immer wieder, wie ein Mantra. Die Welt darf Syrien nicht vergessen, weil über 9.3 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen sind, über 2.2 Millionen Menschen geflohen sind, über 6.5 Millionen innerhalb von Syrien vertrieben sind, mehr als die Hälfte aller Syrer mittlerweile unterhalb der Armutsgrenze lebt. Sie darf Syrien aber auch wegen jungen Männern wie Hadi nicht vergessen, die trotz ihrer eigenen Verluste und schmerzvollen Erinnerungen jeden Morgen aufstehen, damit sich andere Flüchtlinge besser fühlen. Die Welt darf Hadi beim Helfen nicht alleine lassen.

 

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