Wer sagt, dass er keine Angst hat, lügt -
Von Thomas Schwarz
Ich saß mit Michael Raczynski, dem Leiter der Entwicklungsstiftung in Chile, in dessen Büro. Hier heißt er Don Miguel. Wir besprachen die Dinge, die in den kommenden Tagen anstehen: seine Reise gemeinsam mit Axel Rottländer in den Süden des Landes am nächsten Tag. Logistische Fragen, wo wann was besorgt werden muss.
Foto: Reuters/Carlos Vera courtesy www.alertnet.org
Axel Rottländer gehört zum Nothilfe-Team von CARE Deutschland-Luxemburg und ist Experte für Katastrophen wie hier in Chile oder jüngst in Haiti.
Bei uns saß Roswitha. Sie ist 72 Jahre alt und arbeitet schon seit 24 Jahren für die Fundacion Alemana para el Desarrollo, der Partnerorganisation von CARE. Mit ihr werde ich morgen ein Altenheim besuchen. Dort sind nach dem Beben viele Bewohner in einen engen Komplex des Hauses zusammengelegt worden. Das Gebäude ist nicht mehr sicher. Danach fahren wir zu einem Heim für Kinder, die an AIDS erkrankt sind.
Plötzlich stockt die Unterhaltung. Logistik, Reiseplanungen, Einkauf – alles ist im Bruchteil einer Sekunde nicht mehr wichtig. Denn die Erde bewegt sich. Wir schauen uns an, und ich frage: „Das ist ein Beben, oder?“ Eine dumme Fragen irgendwie. „Ja“, Roswitha lächelt. Milde, freundlich und auf eine sehr angenehme Weise beruhigend. „Das ist ein Beben“, bestätigt sie in akzentfreiem Deutsch.
Es bebt nicht im Zelt, sondern in einem Gebäude
Axel Rottländer war gerade in einem Raum damit beschäftigt, einen ersten Situationsreport an CARE zu verfassen. Aber dann steht er in der Tür und fragt genau wie ich: „Das ist ein Beben?“ Es dauert lange, sicherlich 40, 50 Sekunden.
Diesmal ist es Don Miguel, der bejaht. Auch er lächelt. Ich erinnere mich an meine Reise nach Pakistan im Dezember 2005. Auch dort habe ich in den Bergen im Nordosten des Landes noch Wochen nach dem großen und schweren Erdbeben genau diese Bewegungen unter meinen Füßen erlebt. Aber diesmal ist es anders. Hier bin ich nicht unter freiem Himmel oder in meinem Zelt, sondern in einem Gebäude inmitten von Santiago de Chile.
Ich frage Roswitha und Don Miguel, wie man denn wissen könne, wie stark so ein Erdbeben ist. „Das weiß man eben nicht“, sagt Don Miguel. „Und glaube mir: Jeder, der sagt, er hätte bei einem Erdbeben keine Angst, der lügt.“
Abends treffe ich mich mit Chilenen, die viele Jahre in Deutschland gelebt haben. Wir sprechen über Gott und die Welt, über arm und reich in Chile, über die neue Regierung, die ab dem 11. März das Land regieren wird und – natürlich – über das große Beben vom vergangenen Samstag. „Ich war mit meinem Mann im Wohnzimmer, als plötzlich unser Sohn kam und sagte, das sei ja wohl ein langes Beben,“ sagt Alicia. Um ihn zu beruhigen, sei sie aufgestanden und wollte ihren Sohn einfach kurz in den Arm nehmen. „Doch dann merkte ich, dass ich gar nicht mehr geradeaus gehen konnte.“
Sie versuchten zu dritt, auf die Haustüre zuzugehen. „Da haben wir uns gegenseitig und an dem Türrahmen festgehalten.“ Es habe geknarrt an allen Ecken und Enden. Alles habe sich irgendwie bewegt. „Und es hört sich so an, weißt Du, so etwa: Brrrrmmmmm. Es macht so: Brrrrmmmmmm, ganz lange.“ Auf die Straße zu gehen hätte keinen Zweck, sagen beide. Da fällt soviel herunter von den Strommasten, da wirst Du erschlagen.
Don Miguel hat Recht: Wer sagt, er habe keine Angst bei einem Beben, lügt.
Tags: Chile, Erdbeben, Nothilfe, Santiago de Chile


