Wie Jordanien zu meinem Zuhause wurde

Von Noora Aljarba

Vor sechs Jahren verließen wir Homs, Syrien. Wir zogen nach Jordanien: ich, meine Eltern und meine Schwestern. Ich war 20 Jahre alt und wir kannten niemanden hier. Wir hatten sehr wenig Kontakt zu den Jordaniern.

Die Herausforderungen für vertriebene Familien

Wir zogen von einer Region in die nächste – von Amman nach Ma’an, und dann wieder zurück nach Amman, um bessere Lebensbedingungen zu finden. Ich wollte so gerne mein Studium beenden, da ich zuvor in Syrien Maschinenbau studierte. Im Gegensatz zu Jordanien war das Studium in Syrien aber umsonst. Jetzt konnten wir uns Bildung nicht mehr leisten. Auch meine kleinen Geschwister sahen zwei Jahre lang keine Schule von innen.

Mein Vater hatte große Schwierigkeiten, unsere Familie in Jordanien zu versorgen. Er sah es als seine Pflicht an, denn auch in Syrien hatte er das Geld für uns verdient. So nahm er eine Stelle als Bauarbeiter an, verletzte sich hier aber nach einiger Zeit und so standen wir komplett ohne Einkommen da. Ich war zu dem Zeitpunkt 19 Jahre alt und entschloss mich, selbst einen Job zu finden, um meine Familie zu unterstützen. Am Anfang waren meine Eltern sehr dagegen, weil sie um meine Sicherheit in diesem fremden Land fürchteten. Ich schaffte es aber, sie zu überreden und fing an, in Ain Al-Basha Englisch und Mathe als Nachhilfelehrerin zu unterrichten.

 

Noora Aljarba engagiert sich gemeinsam mit CARE für Frauen in Jordanien (Foto: Sara Rashdan/CARE)

 

CARE Women Leadership Council 

Vier Jahre lang gab ich alles in diesem Beruf. Doch mein Ziel, doch noch ein Studium zu beenden, verlor ich nie aus den Augen. Immer, wenn ich die Möglichkeit hatte, versuchte ich mich an der Uni einzuschreiben. Außerdem nahm ich an Workshops von CARE zur Förderung von Frauen teil. Ich gab mir Mühe, möglichst viele Kontakte zu knüpfen und in meinem Umfeld Fuß zu fassen. Meine Eltern bewunderten meinen Ehrgeiz und meine Beharrlichkeit. So freuten wir uns auch alle sehr, als ich endlich ein Stipendium für ein Journalismusstudium erhielt. Wieder legte ich mich ins Zeug und kann heute stolz meinen Bachelor in Journalismus vorzeigen.

Während all dieser Zeit engagierte ich mich aber auch für andere Geflüchtete aus Syrien. Das Women Leadership Council (WLC) von CARE bot mir dazu die Möglichkeit. Mir selbst hat es sehr geholfen, meinen Weg in der neuen Heimat zu gehen und ich wollte möglichst vielen Syrerinnen die gleiche Chance bieten. Dabei dachte ich auch an meine eigenen Schwestern, die noch jung sind.. Dank des WLC konnte ich an vielen Workshops teilnehmen, die sich mit den Themen Gender und Menschenrechten auseinandersetzen. Ich hatte die Möglichkeit, selbst Initiativen zu konzipieren, die meinem direkten Umfeld zu Gute kamen. Wir führten zum Beispiel Workshops durch, die auf die Rolle der Frau in der syrischen und jordanischen Gesellschaft aufmerksam machten. Unser Ziel war es, alte Geschlechternormen zu überwinden. Das ist notwendig, denn viele Haushalte werden mittlerweile von Frauen geführt und fast jeder Haushalt hat mindestens eine Frau, die für die Familie arbeiten geht. Es ist wichtig, sie in diesen oft noch unbekannten Rollen zu unterstützen und ihnen den Rücken zu stärken. Dafür bezogen wir in den Workshops natürlich auch Männer mit ein.

Syrische Geflüchtete in Amman, Jordanien (Foto: Jenny Matthews/CARE)

Syrien und Jordanien – und ich

Früher hatte ich den Eindruck, dass es große Unterschiede zwischen den syrischen Geflüchteten und jordanischen Gastgemeinden gab. Ich hatte oftmals das Gefühl, aufgrund meines syrischen Dialektes ausgegrenzt zu werden. Mittlerweile sehe ich aber, dass der Hinweis auf meinen Dialekt kein Fingerzeig sein muss, sondern auch eine Einladung zum Gespräch sein kann. Es hängt viel davon ab, wie wir unserem Umfeld begegnen. Ich habe syrische und jordanische Freunde gefunden, beide Welten sind Teil meines Lebens geworden. Ich sehe jetzt die vielen Ähnlichkeiten zwischen unseren Kulturen. Das gibt mir das Gefühl, dass ich hier zuhause bin. Ich weiß nicht, ob es einfach nur Zeit brauchte, bis wir uns aneinander gewöhnt hatten, aber ich glaube, die Arbeit von CARE hatte großen Anteil an unserer Annäherung.

Ich muss zugeben, dass ich persönlich sehr stolz auf meinen akademischen Erfolg und meinen Werdegang generell bin. Es war nicht einfach, trotzdem habe ich mir viel Mühe gegeben. Ich brachte mir alles selber bei und nebenbei hatte ich noch zwei Jobs. Es war aber ein sehr bereicherndes Erlebnis. Ich bin auch sehr stolz auf die Freiheit, die ich seitdem habe. Alle Mädchen in meiner Familie sagen zu mir: „Ich will genau wie du sein.“ Meine Schwestern haben sich auch von mir inspirieren lassen und wollen ihr Leben selber bestimmen können, das ist ein tolles Gefühl!

Hier können Sie für die CARE-Hilfe in Jordanien spenden.

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