Wissen ist Gesundheit, und manchmal auch Leben
Eins steht fest: Man muss nicht bis Ayacucho oder Huancavelíca reisen, um Armut und mangelnde Gesundheitsversorgung in Peru zu finden. Seit 1980 hat sich die Bevölkerung Limas verdoppelt. Vor allem in den 80er und 90er Jahren sind während des „Leuchtenden Pfads“ viele Peruaner aus den ländlichen Regionen in die Hauptstadt geflüchtet. Die schreienden Gegensätze der neun Millionen Metropole finden sich auch in San Cosme, einem Viertel, das nur etwa 10 Minuten Fahrt vom Stadtzentrum und seinen blinkenden Casinos, modernen Bauten und schicken Einkaufsstraßen entfernt ist.

In keinem anderen Stadtgebiet erkranken so viele Menschen an Tuberkulose wie in San Cosme. (Foto: CARE/Mitscherlich)
Tausende von kleinen Häusern reihen sich hier am Berghang im Zick Zack aneinander und sehen dabei aus, als seien sie an den Hügel geklebt worden. Ich fühle mich an Bilder erinnert, die meine Kollegin Sabine Wilke nach dem Erdbeben in Haiti aufgenommen hat. Haiti scheint plötzlich überhaupt sehr nahe, denn San Cosme ist dafür bekannt, die höchste Tuberkuloserate in der ganzen Stadt zu haben. Auch das gesamte Land führt hier eine traurige Statistik an: 125 von 100.000 Menschen in Peru sterben jedes Jahr an Tuberkulose – mehr als in jedem anderen Land in Südamerika und nur ungleich weniger als in Haiti.
Ein freies Gesundheitssystem nützt niemandem, der nicht davon weiß
Unweit von einem der drei großen lokalen Märkte unterstützt CARE deswegen zusammen mit dem Global Fund seit 2006 eine kleine Gesundheitsstation, denn obwohl die Gesundheitsversorgung in Peru kostenlos ist, wissen viele Peruaner weder, wie sie sich versichern lassen können, noch, wo sich die nächste Gesundheitseinrichtung befindet. „Wir wollen die Leute ins System holen“, sagt Doktor Rayes, einer der Ärzte im Gesundheitszentrum. Über 22.000 Menschen leben in San Cosme, die meisten bleiben nur für einige Monate. Drei große Märkte und die wirtschaftliche Dynamik Limas ziehen im Laufe des Jahres verschiedene Saisonarbeiter an, die ihr Gemüse und ihre Früchte verkaufen wollen.
Mit verschiedenen großen Stempeln demonstriert Doktor Rayes auf seinem kleinen Holzschreibtisch, der von drei Telefonen und einem riesigen Medizinschrank umgeben ist, wo die Menschen leben, wo die Gesundheitsstation ist und wo sich die Märkte befinden. „Die meisten Arbeitsmigranten kommen mit ihren Familien und leben mit ihnen auf engstem Raum. Ein Hort für Krankheiten wie Tuberkulose und HIV, vor allem weil viele von ihnen ohnehin schon gesundheitlich geschwächt sind. Diese Menschen müssen unbedingt erfahren, dass sie hier Untersuchungen, Medikamente und Schutzmasken bekommen.“
„Die Patienten sind für mich wie eine Familie“
Betty Apari Mallqui Cerro de Pasco ist eine von 14 Freiwilligen, die genau dafür sorgt: Sie arbeitet mit den Gemeinden zusammen, besucht Patienten, informiert sie über das Zentrum und die Hilfe, die sie hier bekommen können. Vor allem ältere und behinderte Menschen können häufig nicht alleine in die Gesundheitsstation kommen, deswegen holt sie sie ab oder bringt ihnen ihre Medizin. Auch Müttergesundheit ist bei den Gemeindebesuchen ein wichtiges Thema. Etwa 300 werdende und junge Mütter werden momentan vom Zentrum betreut. Die Gemeindemitarbeiter teilen sich die Häuserblöcke des Viertels auf, besuchen vor allem junge Mütter, untersuchen sie während der Schwangerschaft, helfen ihnen, Komplikationen rechtzeitig zu erkennen und bereiten sie auf die Geburt vor.

Betty, 62, arbeitet seit über zehn Jahren als Gemeindemitarbeiterin. Hier gibt sie Medikamente im Gesundheitszentrum von San Cosme aus. (Foto: CARE/Mitscherlich)
„Für mich sind die Patienten wie eine Familie geworden. Häufig helfe ich ihnen auch im Haushalt oder kaufe etwas für sie ein“, sagt die 62-jährige Betty, die so klein ist, dass sie kaum hinter dem Tisch der Medikamentenausgabe zu sehen ist. CARE führt mit Freiwilligen wie ihr, aber auch mit Krankenschwestern und Ärzten Schulungen durch, um ihre Zusammenarbeit zu verbessern und die Gemeinden besser einzubinden. „Seit wir die verschiedenen Trainings bekommen, arbeiten alle gut und koordinierter zusammen: Die Ärzte, die Krankenschwestern und die Gemeindemitarbeiter. Die Qualität unserer Arbeit hat sich sehr verbessert.“ Vor vielen Jahren hat Betty eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen, aber das Geld reichte nicht, um sie zu beenden. „Aber das macht jetzt nichts mehr. Ich liebe meine Arbeit. Das, was ich hier leisten kann, füllt etwas in mir. Ich kann nicht genau sagen, was es ist. Aber es fühlt sich gut an.“
Tags: Journalistenreise, Lateinamerika, Lebensband, Müttersterblichkeit, Peru, Tuberkulose


19. Oktober 2011 at 14:06
“wissen viele Peruaner weder, wie sie sich versichern lassen können, noch, wo sich die nächste Gesundheitseinrichtung befindet” – die Frage, die sich angesichts des Bankrotts unserer bundesdeutschen Krankenkassen stellt ist unmittelbar: wenn die Peruaner alle von diesem System wüssten – würde es dann nicht auch über kurz oder lang zusammenbrechen wie das unsere oder das in Grossbritannien?